
Entgegen der Annahme, dass das Schweizer 3-Säulen-System umfassend schützt, ist die grösste Gefahr bei Erwerbsunfähigkeit nicht die Rentenhöhe, sondern die monatelange Wartezeit, die Ihr Vermögen aufzehrt.
- Krankheit ist die Hauptursache für Invalidität, aber wesentlich schlechter versichert als ein Unfall.
- Die Prüfung durch die Invalidenversicherung (IV) dauert oft über ein Jahr, während das Krankentaggeld (KTG) in der Regel nach 720 Tagen endet und eine kritische Lücke reisst.
Empfehlung: Eine strikte Trennung von Sparen und Versichern sowie eine frühzeitige, private Absicherung der Erwerbsfähigkeit sind unerlässlich, um diese Systemlücken zu schliessen und Ihre Familie vor einer finanziellen Abwärtsspirale zu bewahren.
Als Hauptverdiener und Familienvater tragen Sie eine immense Verantwortung. Sie sorgen dafür, dass Rechnungen bezahlt werden, die Hypothek getilgt wird und die Zukunft Ihrer Kinder gesichert ist. In der Schweiz wiegen wir uns dabei oft in einer trügerischen Sicherheit, gestützt auf ein scheinbar robustes soziales Netz aus AHV/IV, Pensionskasse und Unfallversicherung. Man geht davon aus, dass der Staat und der Arbeitgeber im Ernstfall einspringen. Doch was passiert wirklich, wenn Sie morgen aufgrund eines Burnouts oder eines chronischen Rückenleidens für lange Zeit nicht mehr arbeiten können?
Die gängige Meinung ist, dass man «irgendwie aufgefangen» wird. Man rechnet mit einer Lücke, aber nicht mit dem finanziellen freien Fall. Die bittere Realität sieht anders aus. Die wahre Gefahr lauert nicht allein in der prozentualen Kürzung Ihres Einkommens. Sie liegt in den fatalen zeitlichen Verzögerungen, den administrativen Hürden und den Systembrüchen zwischen den einzelnen Versicherungen. Diese Faktoren können eine finanzielle Abwärtsspirale in Gang setzen, lange bevor der erste Franken einer IV-Rente auf Ihrem Konto eintrifft. Viele Familien haben ihre Reserven aufgebraucht, bevor die offizielle Hilfe überhaupt anläuft.
Doch wenn die eigentliche Bedrohung die Zeitfalle des Systems ist, müssen wir unsere Vorsorgestrategie fundamental überdenken. Es geht nicht mehr nur darum, eine Versicherung abzuschliessen, sondern darum, eine finanzielle Brücke zu bauen, die Ihre Familie sicher über die Monate oder gar Jahre der Unsicherheit trägt. Dieser Artikel ist kein allgemeiner Ratgeber. Er ist eine ernste, realistische Analyse der tatsächlichen Risiken für Hauptverdiener in der Schweiz. Wir werden die gefährlichen Lücken im System präzise aufzeigen, die kritischen Zeitfenster definieren und Ihnen eine klare Strategie an die Hand geben, wie Sie Ihre Arbeitskraft und damit die Existenz Ihrer Familie wirksam schützen.
Um dieses existenzielle Risiko vollständig zu verstehen, werden wir die einzelnen Bausteine des Schweizer Vorsorgesystems und ihre oft übersehenen Schwachstellen Schritt für Schritt analysieren. Der folgende Überblick zeigt Ihnen den Weg durch diese komplexe Materie.
Inhaltsverzeichnis: Analyse der finanziellen Risiken bei Erwerbsunfähigkeit
- Warum sind Sie bei einem Skiunfall viel besser gedeckt als bei einem Rückenleiden?
- Wie berechnen Sie die Lücke zwischen IV-Rente und Ihrem gewohnten Lebensstandard?
- Die gefährlichen 720 Tage: Wer zahlt Ihren Lohn, wenn die Krankentaggeldversicherung ausläuft?
- Erwerbsunfähigkeitsversicherung: Wann lohnt sich die teure Police wirklich?
- Vorerkrankungen und Psyche: Warum es schwierig ist, eine Versicherung zu bekommen, wenn man sie braucht
- Warum reicht die 1. und 2. Säule heute für 60% der Schweizer nicht mehr aus?
- Wie hoch muss Ihre eiserne Reserve in der Schweiz wirklich sein (3 oder 6 Monatslöhne)?
- Warum sollten Sie „Sparen“ und „Versichern“ strikt trennen und keine gemischten Produkte kaufen?
Warum sind Sie bei einem Skiunfall viel besser gedeckt als bei einem Rückenleiden?
Die meisten Menschen denken bei Arbeitsunfähigkeit an einen plötzlichen, dramatischen Unfall – einen Sturz auf der Skipiste oder einen Autounfall. In der Schweiz sind die finanziellen Folgen eines solchen Ereignisses dank des Obligatorischen Unfallversicherungsgesetzes (UVG) relativ gut abgefedert. Sie erhalten 80% Ihres versicherten Lohns. Doch diese Absicherung vermittelt eine falsche Sicherheit, denn die Realität sieht anders aus. Statistiken zeigen unmissverständlich, dass das grösste Risiko nicht im Unfall liegt. Tatsächlich macht Invalidität infolge einer Krankheit etwa 90 Prozent aller Erwerbsausfälle in der Schweiz aus. Dazu zählen Burnout, Depressionen, Krebs oder chronische Rückenleiden – schleichende Prozesse, die nicht vom UVG gedeckt sind.
Hier kommt die Krankentaggeldversicherung (KTG) ins Spiel, deren Leistungen jedoch oft deutlich schlechter und vor allem zeitlich begrenzt sind. Während die Unfallversicherung theoretisch unbegrenzt zahlt, endet die Lohnfortzahlung bei Krankheit je nach Police nach 720 Tagen. Zudem ist die KTG für Arbeitgeber nicht flächendeckend obligatorisch. Ein guter Arbeitgeber schliesst eine umfassende KTG für seine Mitarbeitenden ab, doch die genauen Konditionen (Leistungshöhe, Wartefrist) können stark variieren. Es ist Ihre Pflicht als Familienvater, diese Details genau zu kennen.
Der folgende Vergleich zeigt die drastischen Unterschiede in der Absicherung auf. Bei einem Einkommen von CHF 100’000 pro Jahr wird deutlich, dass die finanzielle Belastung bei einer langwierigen Krankheit von Anfang an höher ist und nach Ablauf der KTG-Leistungen existenzbedrohend wird.
| Leistungsart | Unfall (UVG) | Krankheit (KTG gut) | Krankheit (KTG minimal) |
|---|---|---|---|
| Lohnersatz | 80% des Lohns | 80% für 720 Tage | Nach Skala 3-16 Wochen |
| Maximaldauer | Unbegrenzt bis Heilung | 720 Tage in 900 Tagen | Max. 4 Monate (langjährig) |
| Monatliche Einkommenslücke | CHF 1’667 | CHF 1’667 | CHF 8’333 nach Ablauf |
Die entscheidende Erkenntnis ist: Ihr grösstes finanzielles Risiko ist nicht der spektakuläre Unfall, sondern die langwierige Krankheit. Die Absicherung in diesem Fall ist schwächer, lückenhafter und vor allem zeitlich begrenzt.
Wie berechnen Sie die Lücke zwischen IV-Rente und Ihrem gewohnten Lebensstandard?
Wenn die Lohnfortzahlung des Arbeitgebers oder das Krankentaggeld ausläuft, sollen die Renten der Invalidenversicherung (IV) und der Pensionskasse (BVG) die finanzielle Lücke schliessen. Doch hier lauert die nächste Fehleinschätzung. Die Leistungen dieser beiden Säulen ersetzen niemals Ihr volles Einkommen. Als Faustregel gilt, dass die Renten aus IV und BVG ungefähr 60 Prozent des letzten Einkommens abdecken. Das bedeutet bei einem Einkommen von CHF 120’000 eine sofortige, dauerhafte Lücke von CHF 48’000 pro Jahr oder CHF 4’000 pro Monat.
Diese 60%-Regel ist jedoch ein optimistischer Best-Case. Sie gilt nur für Personen, die seit ihrem 21. Lebensjahr lückenlos in die AHV/IV einbezahlt haben. Für viele Menschen in der modernen Arbeitswelt ist dies nicht der Fall. Ein Studienaufenthalt im Ausland, eine späte Einreise in die Schweiz oder Phasen der Selbstständigkeit ohne Anschluss an eine Pensionskasse führen zu empfindlichen Beitragslücken. Jedes fehlende Beitragsjahr führt zu einer Kürzung der Rente. So kann die effektive Leistung schnell auf 50% oder gar 40% des ursprünglichen Lohns sinken. Stellen Sie sich vor, Sie sind mit 30 Jahren in die Schweiz eingereist und werden mit 40 invalid. Ihnen fehlen bereits neun Beitragsjahre, was zu einer massiv gekürzten Teilrente führt und die Einkommenslücke dramatisch vergrössert.
Die visuelle Darstellung der Einkommenslücke macht das Ausmass des Problems oft deutlicher als reine Zahlen. Der gewohnte Lebensstandard lässt sich mit den staatlichen und beruflichen Renten allein nicht aufrechterhalten.

Die Berechnung Ihrer persönlichen Lücke ist daher kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit. Sie müssen Ihre fixen monatlichen Ausgaben (Hypothek, Miete, Krankenkasse, Lebenshaltungskosten) exakt kennen und diesen den zu erwartenden Renten gegenüberstellen. Nur so erhalten Sie ein realistisches Bild der finanziellen Herausforderung, vor der Ihre Familie im Ernstfall stehen würde.
Die gefährlichen 720 Tage: Wer zahlt Ihren Lohn, wenn die Krankentaggeldversicherung ausläuft?
Der kritischste Moment in der finanziellen Abwärtsspirale ist der sogenannte „720-Tage-Klippensturz“. Die meisten Krankentaggeldversicherungen (KTG) in der Schweiz zahlen für die Dauer von maximal zwei Jahren. Die Leistungsdauer beträgt üblicherweise bis zu 720 Tage innerhalb eines Zeitraums von 900 Tagen. Nach Ablauf dieser Frist stoppt die Lohnfortzahlung abrupt. Von einem Tag auf den anderen fällt Ihr Einkommen auf null, wenn bis dahin kein positiver Entscheid der Invalidenversicherung (IV) vorliegt.
Und genau hier liegt die grösste Zeitfalle des Systems. Die Abklärungen der IV sind komplex, langwierig und können sich über viele Monate, oft sogar Jahre, hinziehen. Während Sie auf den Entscheid warten, ob und in welchem Grad Sie als invalid eingestuft werden, erhalten Sie keine Leistungen. Diese Phase des Wartens ist für viele Familien finanziell verheerend. Die eisernen Reserven schmelzen dahin, die Säule 3a muss möglicherweise mit Verlust aufgelöst werden und die psychische Belastung steigt ins Unermessliche. Sie befinden sich in einem bürokratischen Niemandsland: für die KTG sind Sie „ausgesteuert“, für die IV aber noch nicht „anerkannt“.
Dieser Übergang ist der Moment, in dem proaktives Handeln über die finanzielle Stabilität Ihrer Familie entscheidet. Es ist unerlässlich, bereits mehrere Monate vor dem Auslaufen des Krankentaggeldes aktiv zu werden und alle möglichen Anlaufstellen zu kontaktieren. Die folgende Checkliste dient als Leitfaden für diese kritische Phase.
Ihr Plan für die letzten Monate des KTG-Bezugs:
- IV-Stelle kontaktieren: Nehmen Sie proaktiv Kontakt auf und klären Sie den genauen Status Ihrer Rentenprüfung. Fordern Sie eine Prognose zum Zeitplan an.
- Pensionskasse informieren: Erkundigen Sie sich bei Ihrer Pensionskasse nach den Bedingungen und der voraussichtlichen Höhe einer BVG-Invalidenrente.
- RAV prüfen: Klären Sie mit dem Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) ab, ob Sie trotz gesundheitlicher Einschränkungen als vermittlungsfähig gelten und Anspruch auf Arbeitslosengeld haben.
- Finanzielle Überbrückung sichern: Prüfen Sie alle Optionen zur finanziellen Überbrückung, wie beispielsweise die Möglichkeit eines Vorbezugs der Säule 3a bei Invalidität.
- Sozialberatung konsultieren: Suchen Sie eine unabhängige Sozialberatungsstelle auf, um Ihren potenziellen Anspruch auf Ergänzungsleistungen (EL) zu prüfen, falls die Renten nicht ausreichen.
Dieser Zeitraum ist keine passive Wartezeit, sondern eine Phase des aktiven Krisenmanagements. Die Verantwortung liegt bei Ihnen, die notwendigen Schritte einzuleiten, um den finanziellen Absturz zu verhindern.
Erwerbsunfähigkeitsversicherung: Wann lohnt sich die teure Police wirklich?
Angesichts der gravierenden Lücken im staatlichen System stellt sich die Frage nach einer privaten Lösung: der Erwerbsunfähigkeitsversicherung (EU-Versicherung). Diese Police zahlt eine vereinbarte monatliche Rente aus, wenn Sie aufgrund von Krankheit oder Unfall nicht mehr arbeiten können. Doch sie hat den Ruf, teuer zu sein. Lohnt sich diese Investition also wirklich? Für einen Hauptverdiener lautet die Antwort in den meisten Fällen: Ja, sie ist existenziell. Sie ist die einzige Brücke, die die Lücke zwischen dem Ende des Krankentaggeldes und dem Beginn der IV-Rente sowie die dauerhafte Einkommenslücke danach schliessen kann. Besonders gefährdet sind Selbstständige ohne Pensionskassenanschluss, junge Familien mit hohen Hypothekarverpflichtungen und Teilzeitangestellte, deren BVG-Leistungen oft minimal sind.
Eine häufige Gegenfrage lautet: „Kann ich nicht einfach selbst aggressiv sparen und investieren, anstatt hohe Prämien zu zahlen?“ Das ist ein gefährlicher Trugschluss, denn Sparen und Versichern erfüllen zwei fundamental unterschiedliche Zwecke. Eine Versicherung schützt vor einem Risiko, das jederzeit eintreten kann. Ihr angespartes Kapital hingegen braucht Jahrzehnte, um eine relevante Grösse zu erreichen. Werden Sie mit 35 Jahren invalid, nützt Ihnen ein Sparplan, der auf 65 ausgelegt war, herzlich wenig.
Der folgende Vergleich macht den fundamentalen Unterschied zwischen einer Risikopolice und dem reinen Vermögensaufbau deutlich. Die Versicherung bietet eine garantierte Leistung ab dem ersten Tag, während das Sparen nur das schützt, was bereits vorhanden ist.
| Kriterium | Erwerbsunfähigkeitsrente | Aggressives Sparen & Investieren |
|---|---|---|
| Monatliche Kosten (30-Jähriger) | CHF 100-200 für CHF 2’000 Rente | CHF 500+ Sparbeitrag |
| Garantierte Leistung | Ja, bei Invalidität | Nein, abhängig von Markt |
| Flexibilität | Gering, Vertragsbindung | Hoch, jederzeit verfügbar |
| Risikoschutz ab Tag 1 | Vollständig | Nur vorhandenes Kapital |
Die Erwerbsunfähigkeitsversicherung ist keine Geldanlage, sondern eine Kostenposition zur Absicherung Ihrer Existenz – vergleichbar mit der Prämie für die Auto- oder Hausratversicherung. Sie kaufen sich damit die Garantie, dass Ihre Familie ihren Lebensstandard halten kann, auch wenn Ihr Einkommen von heute auf morgen wegbricht.
Vorerkrankungen und Psyche: Warum es schwierig ist, eine Versicherung zu bekommen, wenn man sie braucht
Die wichtigste Regel bei Erwerbsunfähigkeitsversicherungen lautet: Man muss sie abschliessen, solange man jung und gesund ist. Sobald erste gesundheitliche Probleme auftreten, wird es schwierig, teuer oder gar unmöglich, eine solche Police zu erhalten. Dies ist der brutale „Catch-22“ der Risikovorsorge. Die Versicherungen führen vor Vertragsabschluss eine detaillierte Gesundheitsprüfung durch. Bestehende Rückenleiden, frühere psychische Behandlungen oder andere chronische Erkrankungen können zu Leistungsausschlüssen, massiven Prämienaufschlägen oder einer vollständigen Ablehnung des Antrags führen.
Besonders kritisch ist die Situation bei psychischen Erkrankungen. Burnout und Depressionen sind heute eine der Hauptursachen für langfristige Arbeitsausfälle. Seit 2012 ist die Zahl der Arbeitsausfälle in der Schweiz um rund 50 Prozent angestiegen, wobei in vielen Fällen psychische Belastungen die Ursache waren. Versicherer sehen dieses steigende Risiko und reagieren mit äusserster Vorsicht. Wer einmal wegen Stress oder Burnout in Behandlung war, hat kaum noch eine Chance auf eine EU-Versicherung ohne einen umfassenden Ausschluss für psychische Leiden – genau die Absicherung, die am wichtigsten wäre.
Diese harte Realität unterstreicht die Dringlichkeit, das Thema proaktiv anzugehen. Der Abschluss einer Erwerbsunfähigkeitsversicherung ist keine Entscheidung, die man aufschieben sollte. Je länger Sie warten, desto höher wird das Risiko, dass eine zwischenzeitlich aufgetretene Diagnose Ihnen den Weg zu einer umfassenden Absicherung für immer verbaut. Wie eine Expertin von Gesundheitsförderung Schweiz treffend bemerkt, ist der menschliche Preis dieser Entwicklung hoch:
Burnouts verursachen viel Leid für die betroffenen Personen und für deren Umfeld.
– Regina Jensen, Gesundheitsförderung Schweiz
Handeln Sie, solange Sie aus einer Position der Stärke agieren können. Warten Sie nicht, bis das „brennende Haus“ bereits in Flammen steht, denn dann wird Ihnen niemand mehr eine Feuerversicherung verkaufen.
Warum reicht die 1. und 2. Säule heute für 60% der Schweizer nicht mehr aus?
Das Versprechen des 3-Säulen-Systems, den gewohnten Lebensstandard im Alter oder bei Invalidität zu sichern, erodiert zusehends. Insbesondere die Leistungen der 1. und 2. Säule bei Erwerbsunfähigkeit sind für einen grossen Teil der Bevölkerung nicht mehr ausreichend, um die laufenden Kosten zu decken. Ein zentraler Grund dafür ist die absolute Höhe der maximalen IV-Rente. Für das Jahr 2024 beträgt die maximale IV-Rente für eine Einzelperson CHF 2’450 pro Monat. Für einen Hauptverdiener mit einer Familie und einer Hypothek ist dieser Betrag bei weitem nicht existenzsichernd.
Zusätzlich zu dieser Deckelung kommt der bereits erwähnte Effekt der Beitragslücken. Wer mit 40 Jahren invalid wird, dem fehlen 25 Jahre an Beitragszahlungen in die Pensionskasse (2. Säule). Dies führt nicht nur zu einer gekürzten IV-Rente (1. Säule), sondern auch zu einer massiv tieferen Invalidenrente aus dem BVG. Die spätere Altersrente wird ebenfalls drastisch gekürzt, da die Beitragsjahre während der Invalidität zwar fiktiv weitergeführt werden, aber auf Basis eines viel tieferen Einkommens. Eine frühe Invalidität zementiert somit eine lebenslange finanzielle Abhängigkeit und führt unweigerlich zu Altersarmut.
Die demografische Entwicklung und die steigende Lebenserwartung setzen die Pensionskassen zusätzlich unter Druck. Die Umwandlungssätze sinken, was bedeutet, dass aus dem angesparten Kapital immer weniger Rente resultiert. Früher konnte man davon ausgehen, dass die 1. und 2. Säule zusammen etwa 60% des letzten Lohns decken. Heute ist dieser Wert für immer mehr Menschen eine Illusion. Rechnet man die steigenden Lebenshaltungskosten und Krankenkassenprämien mit ein, wird klar, dass die staatliche und berufliche Vorsorge allein für die Mehrheit der Schweizer Haushalte nicht mehr ausreicht, um den Lebensstandard auch nur annähernd zu halten.
Diese Entwicklung bedeutet, dass die private Vorsorge (Säule 3) von einer optionalen Ergänzung zu einer zwingenden Notwendigkeit geworden ist – nicht nur für das Alter, sondern insbesondere zur Absicherung des Risikos der Erwerbsunfähigkeit.
Wie hoch muss Ihre eiserne Reserve in der Schweiz wirklich sein (3 oder 6 Monatslöhne)?
Die Faustregel von drei bis sechs Monatslöhnen als eiserne Reserve ist weithin bekannt. Doch im Kontext der Erwerbsunfähigkeit in der Schweiz muss diese Regel dringend neu bewertet werden. Ihr Notgroschen dient nicht nur dazu, eine unerwartete Autoreparatur oder den Verlust des Arbeitsplatzes zu überbrücken. Seine wichtigste Funktion ist der Bau einer finanziellen Brücke über die gefährliche Zeitspanne zwischen dem Ende des Krankentaggeldes und dem Entscheid der Invalidenversicherung.
Wie wir gesehen haben, ist dieser Zeitraum die Achillesferse des gesamten Systems. Die durchschnittliche Wartezeit auf einen IV-Entscheid beträgt in der Schweiz ein bis zwei Jahre. In komplexen Fällen kann es sogar noch länger dauern. Eine Reserve von sechs Monatslöhnen ist in diesem Szenario völlig unzureichend. Sie wäre aufgebraucht, lange bevor die erste Rentenzahlung eintrifft. Für einen Hauptverdiener muss die Definition der eisernen Reserve daher an dieses spezifische Risiko angepasst werden.
Die Höhe Ihrer Invaliditäts-Sonderreserve hängt stark von Ihrer beruflichen Situation und Ihrer bestehenden Absicherung ab:
- Für Angestellte mit guter KTG- und Pensionskassenlösung: Hier kann eine Reserve von 6 Monatslöhnen ausreichen, um unvorhergesehene Kosten und die erste Phase der Unsicherheit zu decken.
- Für Angestellte mit minimaler KTG-Lösung: Planen Sie mindestens 12 Monatslöhne ein. Sie müssen eine potenziell längere Phase ohne Einkommen überbrücken können.
- Für Selbstständige ohne KTG und ohne Pensionskasse: Sie tragen das volle Risiko. Ihre eiserne Reserve sollte mindestens 18 bis 24 Monatslöhne betragen, um die gesamte Abklärungsphase der IV überstehen zu können, ohne Ihr Privat- und Geschäftsvermögen angreifen zu müssen.
Diese Reserve ist kein investiertes Kapital, sondern muss liquide und sofort verfügbar sein. Sie dient ausschliesslich dazu, Ihre fixen Kosten (Hypothek, Krankenkasse, Lebenshaltung) während der Wartezeit zu decken und Ihre Familie vor dem finanziellen Ruin zu bewahren. Betrachten Sie sie als die teuerste und wichtigste Versicherung, die Sie besitzen.
Das Wichtigste in Kürze
- Das grösste Invaliditätsrisiko ist Krankheit (ca. 90% der Fälle), die deutlich schlechter versichert ist als ein Unfall.
- Die kritischste Phase ist die Zeit nach Auslaufen des Krankentaggeldes (nach 720 Tagen) und vor einem IV-Entscheid, die über ein Jahr dauern kann.
- Die Renten aus der 1. und 2. Säule decken oft weniger als 60% des Einkommens und reichen für viele Familien nicht aus, um den Lebensstandard zu halten.
Warum sollten Sie „Sparen“ und „Versichern“ strikt trennen und keine gemischten Produkte kaufen?
Im Bereich der Vorsorge werden oft sogenannte gemischte Lebensversicherungen (Säule 3a oder 3b) angeboten. Diese Produkte kombinieren einen Sparprozess für das Alter mit einem Risikoschutz bei Tod oder Invalidität. Auf den ersten Blick scheint dies eine bequeme „Alles-in-einem“-Lösung zu sein. Als professioneller und unabhängiger Berater muss ich Ihnen jedoch dringend davon abraten. Die strikte Trennung von Sparen und Versichern ist aus drei Gründen die überlegene Strategie: Transparenz, Flexibilität und Kosten.
Bei gemischten Produkten ist es für den Kunden fast unmöglich zu erkennen, welcher Teil seiner Prämie in den Risikoschutz fliesst und welcher Teil tatsächlich gespart und angelegt wird. Die Kosten sind intransparent und oft überdurchschnittlich hoch, was die Rendite Ihres Sparanteils schmälert. Noch gravierender ist die „Flexibilitäts-Falle“. Ihr Leben verändert sich: Heirat, Kinder, Hauskauf, Lohnerhöhung. Ihr Vorsorgebedarf muss entsprechend angepasst werden. Bei einem gemischten Produkt ist eine solche Anpassung kompliziert und oft mit Nachteilen verbunden. Eine Prämienpause kann zum Verlust des Versicherungsschutzes führen, und eine Kündigung des Vertrags ist in den ersten Jahren fast immer mit massiven finanziellen Verlusten verbunden.
Die klare Trennung ermöglicht eine massgeschneiderte und optimierte Lösung. Sie schliessen eine reine Risikoversicherung für den Fall der Erwerbsunfähigkeit ab, deren Prämie nur die effektiven Kosten für den Risikoschutz deckt. Parallel dazu investieren Sie den Sparanteil in eine kostengünstige, flexible und renditestarke Säule 3a-Lösung bei einer Bankstiftung. So behalten Sie die volle Kontrolle, können beide Bausteine unabhängig voneinander anpassen und profitieren von maximaler Transparenz und besseren Konditionen.

Der Grundsatz ist einfach: Kaufen Sie Versicherungsschutz bei einer Versicherung und bauen Sie Vermögen bei einer Bank oder einem spezialisierten Vermögensverwalter auf. Vermischen Sie niemals diese beiden grundverschiedenen Ziele in einem einzigen, inflexiblen Produkt.
Ihre Fähigkeit, ein Einkommen zu erzielen, ist das wertvollste Gut, das Sie und Ihre Familie besitzen. Die Absicherung dieses Guts darf nicht dem Zufall oder einem lückenhaften staatlichen System überlassen werden. Um Ihre persönliche Situation präzise zu analysieren, die exakte Höhe Ihrer Lücke zu berechnen und eine wasserdichte, kosteneffiziente Strategie zu entwickeln, ist eine professionelle und unabhängige Beratung unerlässlich. Nehmen Sie Ihre Verantwortung als Hauptverdiener ernst und handeln Sie jetzt, bevor es zu spät ist.