Veröffentlicht am April 12, 2024

Die Leitzinserhöhung der SNB ist kein simpler Schalter, sondern ein komplexes Getriebe: Sie trifft Ihre SARON-Hypothek sofort, erreicht Ihr Sparkonto aber erst mit deutlicher Verzögerung.

  • Die Bankenmarge ist der Hauptgrund, warum Zinserhöhungen bei Krediten schnell, bei Sparguthaben aber langsam ankommen.
  • Die Zinspolitik der SNB ist immer auch eine Währungspolitik, die darauf abzielt, die Stabilität des Frankens gegenüber dem Euro zu steuern und importierte Inflation zu bekämpfen.

Empfehlung: Verstehen Sie die geldpolitischen Mechanismen, um Zinsänderungen nicht nur passiv zu erleiden, sondern die Auswirkungen auf Ihre Finanzen strategisch zu antizipieren.

Jedes Mal, wenn die Schweizerische Nationalbank (SNB) zu einer geldpolitischen Lagebeurteilung lädt, steigt die Anspannung bei unzähligen Hausbesitzern und Sparern in der Schweiz. Die Ankündigung einer Leitzinserhöhung löst eine Welle von Schlagzeilen aus: Hypotheken werden teurer, Sparer dürfen sich freuen. Doch diese vereinfachte Darstellung kratzt nur an der Oberfläche und verschleiert die komplexen Mechanismen, die tatsächlich ablaufen. Viele fragen sich: Warum spüre ich die höheren Zinsen auf meiner Hypothekarrechnung sofort, während mein Sparkonto monatelang unverändert bleibt? Die Antwort liegt nicht in einer einzigen Zahl, sondern im Getriebe der Geldpolitik.

Die landläufige Meinung konzentriert sich auf die direkten Folgen. Doch der wahre Schlüssel zum Verständnis liegt in den unsichtbaren Transmissionsmechanismen, der Zinspolitik als Instrument der Währungsstabilität und den historischen Lehren, die das Risikomanagement der Banken bis heute prägen. Statt also nur zu fragen, *was* passiert, müssen wir uns damit befassen, *warum* und *wie* eine Entscheidung der SNB in Zürich letztlich Ihren Kontostand in Genf oder St. Gallen beeinflusst. Dieser Artikel übersetzt das „Notenbankdeutsch“ und beleuchtet die entscheidenden Zusammenhänge, die oft im Verborgenen bleiben. Wir analysieren, wie die Zinsmarge der Banken die Verzögerung bei Sparzinsen erklärt, warum SARON-Hypotheken direkt an den Puls der SNB gekoppelt sind und wieso die Zinspolitik oft mehr mit dem Euro-Franken-Kurs zu tun hat, als man denkt.

In den folgenden Abschnitten zerlegen wir die Geldpolitik der SNB in ihre Einzelteile. Wir zeigen Ihnen die logischen Kettenreaktionen auf, die eine Leitzinsänderung auslöst, und geben Ihnen damit das Rüstzeug, die Entscheidungen der Nationalbank nicht nur zu hören, sondern wirklich zu verstehen.

Wie lange dauert es, bis ein höherer Leitzins bei Ihren Sparzinsen ankommt?

Wenn die SNB den Leitzins anhebt, ist die Erwartungshaltung bei Sparern klar: Endlich gibt es wieder mehr Zinsen auf dem Sparkonto. Doch die Realität ist meist ernüchternd. Während die Kosten für Kredite und Hypotheken oft schnell steigen, lassen die Banken ihre Kunden bei den Sparguthaben warten. Dieses Phänomen ist kein Zufall, sondern das Ergebnis eines zentralen betriebswirtschaftlichen Prinzips der Banken: der Optimierung der Zinsmarge. Die Zinsmarge ist die Differenz zwischen den Zinsen, die eine Bank für ausgeliehenes Geld (wie Hypotheken) erhält, und den Zinsen, die sie für Einlagen (wie Sparkonten) bezahlt. Sie ist eine der wichtigsten Einnahmequellen.

Bei einer Leitzinserhöhung haben Banken ein starkes Interesse daran, die Zinsen auf der Aktivseite (Kredite) schnell anzupassen, um ihre Erträge zu maximieren. Auf der Passivseite (Spareinlagen) agieren sie jedoch zögerlich. Jeder Tag, an dem sie die Sparzinsen nicht erhöhen, vergrössert ihre Marge. Aus diesem Grund kommt der Segen der Zinserhöhung bei den Sparern oft erst mit einer erheblichen Verzögerung an. Analysen zeigen, dass Banken Zinserhöhungen der SNB oft erst mit einer Verzögerung von drei bis sechs Monaten an ihre Sparkunden weitergeben. Dieser zeitliche Abstand ist reine Margenoptimierung.

Die folgende Tabelle verdeutlicht, wie sich die Zinsen bei verschiedenen Produkten im Verhältnis zum SNB-Leitzins bewegen und wo die Banken ihre Margen erzielen. Sie zeigt, dass sowohl bei Hypotheken als auch bei Sparkonten ein Aufschlag auf den Referenzsatz erfolgt, dessen Anpassungsgeschwindigkeit jedoch unterschiedlich ist.

Zinsmarge zwischen SARON-Hypotheken und Sparkonten
Produkt Zinssatz Marge zur SNB
SNB-Leitzins 0.0%
SARON ~0.0% ±0%
SARON-Hypothek 0.9-1.5% +0.9-1.5%
Sparkonto 0.2-1.25% +0.2-1.25%

SARON-Hypothek: Warum wird Ihre Miete sofort teurer, wenn Jordan den Zins anhebt?

Besitzer einer SARON-Hypothek spüren eine Leitzinserhöhung der SNB beinahe in Echtzeit im eigenen Portemonnaie. Anders als bei Festhypotheken, deren Zins für eine feste Laufzeit gilt, ist der Zinssatz einer SARON-Hypothek variabel und direkt an den Geldmarkt gekoppelt. Der Swiss Average Rate Overnight (SARON) ist der Zinssatz, zu dem sich Banken gegenseitig über Nacht Geld leihen. Dieser Satz orientiert sich unmittelbar am SNB-Leitzins.

Der Transmissionsmechanismus ist hier extrem direkt: Wenn die SNB den Leitzins anhebt, verteuert sich die Refinanzierung für die Geschäftsbanken am Geldmarkt augenblicklich. Der SARON steigt praktisch im selben Moment. Da der Zinssatz Ihrer Hypothek aus dem SARON plus einer festen Marge der Bank besteht, schlägt die Erhöhung sofort auf Ihre nächste Zinsabrechnung durch. Es gibt keine Pufferzone oder Verzögerung wie bei den Sparkonten. Diese direkte Kopplung macht SARON-Hypotheken in Zeiten steigender Zinsen schnell teurer, während sie in Phasen von Zinssenkungen umgehend für Entlastung sorgen.

Für Mieter ist die Situation indirekt, aber ebenfalls spürbar. Der für die Mietzinsgestaltung massgebende hypothekarische Referenzzinssatz basiert auf dem Durchschnittszinssatz der inländischen Hypothekarforderungen der Banken. Steigen die Hypothekarzinsen – angetrieben durch den SNB-Leitzins – klettert früher oder später auch der Referenzzinssatz, was Vermietern das Recht gibt, die Mieten zu erhöhen. Die unmittelbare Auswirkung trifft jedoch den SARON-Hypothekarnehmer, der die Geldpolitik der SNB quasi eins zu eins miterlebt.

Zinsdifferenz zum Euro: Warum erhöht die SNB die Zinsen, nur um den Franken zu schützen?

Eine der Hauptaufgaben der SNB ist die Gewährleistung der Preisstabilität. In einer kleinen, offenen Volkswirtschaft wie der Schweiz bedeutet dies nicht nur, die inländische Inflation zu kontrollieren, sondern auch den Wechselkurs des Frankens im Auge zu behalten. Eine Zinserhöhung ist daher oft nicht nur eine Massnahme gegen die Teuerung, sondern auch eine strategische Währungsintervention. Das primäre Ziel ist es, die Zinsdifferenz zum Euroraum zu managen und damit eine unerwünschte Auf- oder Abwertung des Frankens zu verhindern.

Stellen Sie sich vor, die Europäische Zentralbank (EZB) erhöht die Zinsen, während die SNB sie tief lässt. Für internationale Investoren wird es attraktiver, ihr Geld in Euro anzulegen, um von den höheren Zinsen zu profitieren. Sie verkaufen Franken und kaufen Euro, was den Franken schwächt. Ein schwacher Franken verteuert Importe und heizt somit die Inflation in der Schweiz an (importierte Inflation). Um dies zu verhindern, muss die SNB mitziehen und ebenfalls die Zinsen anheben, um den Franken als Anlage attraktiv zu halten. Umgekehrt galt dies in der Negativzins-Ära: Damals sollten die tiefen Zinsen den Franken unattraktiv machen und eine zu starke Aufwertung verhindern. Analysen der Schwyzer Kantonalbank zeigen, dass Negativzinsen eine Frankenaufwertung um bis zu 10 % verhindern konnten.

SNB Zinsdifferenz zwischen Euro und Schweizer Franken zur Währungsstabilisierung

Die SNB balanciert also konstant auf einem schmalen Grat. Sie muss die Zinsen hoch genug halten, um den Franken zu stützen und importierte Inflation abzuwehren, aber nicht so hoch, dass ein übermässig starker Franken die Schweizer Exportwirtschaft lähmt. Diese komplexe Abwägung unterstreicht, dass die Geldpolitik der SNB immer auch eine Aussenwirtschafts- und Währungspolitik ist. Wie es ein Experte treffend formuliert:

Solange die Europäische Zentralbank (EZB) jedoch ihre Leitzinsen auf einem komfortablen Niveau hält und den Abstand zur SNB wahrt, bleibt der Franken als Anlagewährung wenig attraktiv.

– Fredy Hasenmaile, Raiffeisen Chefökonom

Das Ende der Negativzinsen: Was haben wir aus der Ära des „Strafzinses“ gelernt?

Die jahrelange Phase der Negativzinsen, die im September 2022 endete, war ein geldpolitisches Experiment mit weitreichenden Folgen. Der sogenannte „Strafzins“ war eine radikale Massnahme der SNB, um den Aufwertungsdruck auf den Schweizer Franken zu mindern und Deflationsrisiken abzuwehren. Doch diese Politik zwang institutionelle Anleger wie Pensionskassen und Versicherungen, ihre Anlagestrategien fundamental zu überdenken. Die Lehre aus dieser Zeit prägt das heutige Verständnis von Zinsrisiken und Anlagestrategien nachhaltig.

Traditionell sichere Anlagen wie hochwertige Staatsanleihen warfen keine Rendite mehr ab oder kosteten sogar Geld. Dies trieb Pensionskassen in risikoreichere Anlageklassen wie Aktien, Immobilien und alternative Anlagen, um die für die Erfüllung ihrer Leistungsversprechen notwendigen Renditen zu erwirtschaften. Dieser „Anlagenotstand“ erhöhte die systemischen Risiken im Finanzsystem. Die Zinswende markierte das Ende dieser verzweifelten Suche nach Rendite und führte zu einer Normalisierung.

Fallbeispiel: Anlagestrategien der Pensionskassen während der Negativzinsphase

Die langjährige Tiefzinsphase war für die Schweizer Pensionskassen eine enorme Herausforderung. Um die gesetzlich vorgeschriebenen Mindestverzinsungen zu erreichen, mussten sie ihre Anlagestrategien anpassen. Das langjährige Tiefzinsumfeld hat dazu geführt, dass die Pensionskassen ihre Bewertungs- und Leistungsparameter reduzieren mussten, um auf eine Sollrendite zu kommen, die in diesem Umfeld vernünftig finanzierbar war. Konkret bedeutete dies eine höhere Allokation in Aktien und illiquiden Anlagen wie Private Equity und Infrastruktur, was das Gesamtrisiko der Portfolios erhöhte.

Mit der Rückkehr zu positiven Zinsen hat sich die Lage entspannt. Anleihen werfen wieder positive Renditen ab, was den Druck von den Pensionskassen nimmt, übermässige Risiken einzugehen. Dies hat zu einer deutlichen Erholung der Deckungsgrade geführt. Nach der Zinswende erreichten die Deckungsgrade der Pensionskassen in der Schweiz wieder einen Durchschnitt von 113,5 % im Jahr 2023, was die finanzielle Stabilität des Vorsorgesystems stärkt. Die Ära der Negativzinsen hat somit eindrücklich gezeigt, wie stark die Geldpolitik die Anreize für institutionelle Anleger verschieben kann und welche Risiken eine langanhaltende Nullzinspolitik birgt.

Dot Plot und Forward Guidance: Können Sie Zinsentscheide wirklich vorhersagen?

In einer unsicheren Wirtschaftswelt klammern sich Marktteilnehmer an jeden Hinweis, um die nächsten Schritte der Zentralbanken vorherzusagen. Instrumente wie der „Dot Plot“ der US-Notenbank (Fed) oder die verbale „Forward Guidance“ der Europäischen Zentralbank (EZB) sind Versuche, die zukünftige Geldpolitik transparenter zu machen. Doch die Schweizerische Nationalbank (SNB) ist bekannt für ihren zurückhaltenden und oft kryptischen Kommunikationsstil. Die Frage ist also: Kann man die Zinsentscheide der SNB wirklich prognostizieren?

Die Antwort ist ein klares Jein. Die SNB verzichtet bewusst auf explizite Prognosetools wie den Dot Plot, bei dem jedes Mitglied des Offenmarktausschusses seine individuelle Zinserwartung anonym abgibt. Stattdessen ist ihr wichtigstes Kommunikationsinstrument die bedingte Inflationsprognose. Diese Prognose zeigt, wie sich die Inflation entwickeln würde, wenn der Leitzins über den gesamten Prognosehorizont konstant bliebe. Liegt die prognostizierte Inflation am Ende des Horizonts über dem Zielband von 0-2 %, ist dies ein starkes Signal für eine bevorstehende Zinserhöhung. Liegt sie darunter, deutet dies auf mögliche Zinssenkungen hin.

SNB Zinsprognose und Forward Guidance Analyseinstrumente

Dieses Vorgehen gibt der SNB maximale Flexibilität, da sie sich nicht auf einen bestimmten Zinspfad festlegt. Für Marktbeobachter bedeutet dies jedoch, dass sie die Nuancen der vierteljährlichen Lagebeurteilungen und die Rhetorik des SNB-Präsidenten genau analysieren müssen. Die Vorhersage von SNB-Entscheiden ist somit weniger eine exakte Wissenschaft als vielmehr die Kunst der Interpretation subtiler Signale.

Der Vergleich der Kommunikationsstrategien zeigt die unterschiedlichen Philosophien der Zentralbanken. Während die Fed auf Transparenz durch individuelle Prognosen setzt, bewahrt sich die SNB ihre strategische Ambiguität.

SNB vs. Fed/EZB Forward Guidance Ansätze
Zentralbank Tool Transparenz
Fed (USA) Dot Plot Hoch – individuelle Prognosen
EZB Forward Guidance Mittel – verbale Signale
SNB Bedingte Inflationsprognose Niedrig – zurückhaltend

Kurzläufer vs. Langläufer: Welche Anleihen schützen Sie besser vor einer Zinserhöhung?

Für Anleger, die in festverzinsliche Wertpapiere investieren, ist eine Leitzinserhöhung eine besondere Herausforderung. Steigende Zinsen führen dazu, dass bestehende Anleihen mit niedrigeren Kupons an Wert verlieren, da neu emittierte Anleihen eine attraktivere Verzinsung bieten. Dieses Risiko, bekannt als Zinsänderungsrisiko, ist jedoch nicht für alle Anleihen gleich. Die entscheidende Kennzahl zur Steuerung dieses Risikos ist die Duration (durchschnittliche Kapitalbindungsdauer).

Vereinfacht gesagt, gibt die Duration an, wie stark der Kurs einer Anleihe auf eine Veränderung des Marktzinsniveaus reagiert. Je länger die Laufzeit einer Anleihe, desto höher ist in der Regel ihre Duration und desto empfindlicher reagiert sie auf Zinsänderungen. Anleihen mit langer Laufzeit (Langläufer) erleiden bei einem Zinsanstieg deutlich höhere Kursverluste als Anleihen mit kurzer Laufzeit (Kurzläufer). Konkrete Berechnungen der SIX zeigen, dass bei einer zehnjährigen Schweizer Staatsanleihe ein Zinsanstieg von 1 % zu einem Kursverlust von rund 7 % führen kann. Bei einer zweijährigen Anleihe wäre der Verlust ungleich geringer.

In einem Umfeld steigender Zinsen ist es daher strategisch klug, das Portfolio in Richtung kürzerer Laufzeiten umzuschichten. Kurzläufer bieten nicht nur einen besseren Schutz vor Kursverlusten, sondern ermöglichen es dem Anleger auch, das freiwerdende Kapital schneller wieder in neuere, höher verzinste Anleihen zu reinvestieren. Dies schafft Flexibilität und reduziert das Risiko, auf lange Zeit an niedrig verzinste Papiere gebunden zu sein.

Ihr Aktionsplan: Anleihen-Strategie bei steigenden Zinsen

  1. Laufzeit verkürzen: Analysieren Sie Ihr Anleihenportfolio und gewichten Sie Anleihen mit kurzen Laufzeiten (z. B. 1-3 Jahre) stärker.
  2. Floating Rate Notes prüfen: Erwägen Sie Anleihen mit variabler Verzinsung (Floating Rate Notes), deren Kupon sich an das Marktzinsniveau anpasst und somit einen natürlichen Schutz bietet.
  3. Diversifikation sicherstellen: Halten Sie einen gesunden Mix aus verschiedenen Laufzeiten, um das Risiko zu streuen, aber mit einem klaren Fokus auf kürzere Segmente.
  4. Steueroptimierung berücksichtigen: Beachten Sie bei der Auswahl von Anleihen die steuerlichen Aspekte, insbesondere die Verrechnungssteuer, um die Nettorendite zu maximieren.

Warum rechnet die Bank mit 5% Zins, obwohl die Hypothek nur 1,5% kostet?

Jeder, der in der Schweiz eine Hypothek aufnehmen möchte, stösst unweigerlich auf eine paradox erscheinende Hürde: die Tragbarkeitsrechnung. Obwohl der effektive Zinssatz für die Hypothek vielleicht nur bei 1,5 % liegt, rechnet die Bank zur Prüfung der Kreditwürdigkeit mit einem kalkulatorischen Zinssatz von typischerweise 5 %. Diese Diskrepanz sorgt bei vielen Kreditnehmern für Verwirrung und Frustration. Doch dieser Ansatz ist kein willkürliches Hindernis, sondern eine zentrale Säule des Risikomanagements der Schweizer Banken und der Finanzmarktaufsicht (FINMA).

Der kalkulatorische Zinssatz ist ein Sicherheitspuffer. Die Bank prüft nicht, ob Sie sich die Hypothek *heute* leisten können, sondern ob Sie auch in einem Umfeld deutlich höherer Zinsen noch zahlungsfähig wären. Die Gesamtkosten für das Wohneigentum, bestehend aus dem kalkulatorischen Zins, einer Amortisationsrate von 1 % des Immobilienwerts sowie Nebenkosten von 1 %, dürfen dabei in der Regel nicht mehr als ein Drittel Ihres Bruttoeinkommens ausmachen.

Doch warum ausgerechnet 5 %? Diese Zahl ist kein Zufall, sondern eine historische Lehre. Sie ist tief in der Schweizer Wirtschaftsgeschichte verankert und dient als Mahnmal für zukünftige Krisen.

Fallbeispiel: Die Immobilienkrise der 1990er Jahre als Begründung

Die strenge Tragbarkeitsprüfung ist eine direkte Folge der Schweizer Immobilienkrise Anfang der 1990er Jahre. In dieser Zeit stiegen die Hypothekarzinsen tatsächlich auf über 5 %, was viele Eigenheimbesitzer in finanzielle Not brachte und zu einer Welle von Kreditausfällen und Zwangsversteigerungen führte. Diese historische Erfahrung prägt bis heute die Vorsichtsmassnahmen der Banken und der FINMA. Der 5-%-Satz wurde als langfristiger Durchschnitts- und Stress-Satz etabliert, um sicherzustellen, dass das Finanzsystem und die Kreditnehmer eine zukünftige Zinswende verkraften können, ohne dass es zu einer Wiederholung der Krise kommt.

Der kalkulatorische Zinssatz von 5 % ist also keine Prognose für die nahe Zukunft, sondern ein bewusst konservativer Stresstest, der die Stabilität des gesamten Schweizer Finanz- und Immobilienmarktes gewährleisten soll. Er schützt nicht nur die Bank vor Kreditausfällen, sondern auch den Kreditnehmer vor einer Überschuldung in einem veränderten Zinsumfeld.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Sparzinsen hinken einer Leitzinserhöhung aufgrund der Margenoptimierung der Banken typischerweise um Monate hinterher.
  • SARON-Hypotheken reagieren sofort auf SNB-Entscheide, da der SARON direkt an den von der SNB gesteuerten Geldmarkt gekoppelt ist.
  • Die Zinspolitik der SNB ist immer auch eine Währungspolitik, die darauf abzielt, die Stabilität des Frankens zu wahren und importierte Inflation zu kontrollieren.

Warum erhöhen Zentralbanken die Zinsen, um die Wirtschaft abzuwürgen (und Inflation zu senken)?

Auf den ersten Blick wirkt es paradox: Um die Wirtschaft zu stabilisieren und die Inflation zu senken, treten Zentralbanken wie die SNB bewusst auf die Bremse. Eine Zinserhöhung wird oft als „Abwürgen“ der Konjunktur bezeichnet. Doch hinter dieser scheinbar destruktiven Massnahme steckt eine klare volkswirtschaftliche Logik. Das Ziel ist nicht die Zerstörung, sondern die Abkühlung einer überhitzten Wirtschaft, um die Nachfrage wieder mit dem Angebot in Einklang zu bringen.

Hohe Inflation entsteht oft, wenn die Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen das Angebot übersteigt. Die Unternehmen können die Preise anheben, weil die Kunden bereit sind, mehr zu zahlen. Eine Leitzinserhöhung setzt eine Kettenreaktion in Gang, um diese Nachfrage zu dämpfen. Der Transmissionsmechanismus funktioniert hier über mehrere Kanäle: Erstens werden Kredite für Konsumenten und Unternehmen teurer. Dies reduziert die Anreize für Konsumausgaben (z. B. für Autos oder Möbel) und für Investitionen der Unternehmen in neue Maschinen oder Fabriken. Zweitens macht Sparen durch höhere Zinsen wieder attraktiver, was ebenfalls Geld aus dem Konsumkreislauf entzieht.

Zentralbank Zinserhöhung Mechanismus zur Inflationsbekämpfung

Diese Dämpfung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage gibt dem Angebot die Chance, aufzuholen. Wenn die Nachfrage sinkt, können Unternehmen die Preise nicht mehr so leicht erhöhen. Der Preisdruck lässt nach, und die Inflation verlangsamt sich. Die Zentralbank versucht dabei, eine „weiche Landung“ zu orchestrieren – die Wirtschaft gerade so weit abzukühlen, dass die Inflation sinkt, ohne eine tiefe Rezession auszulösen. Es ist ein Balanceakt, der Fingerspitzengefühl und eine genaue Analyse der Wirtschaftsdaten erfordert. Das „Abwürgen“ ist also in Wahrheit ein kontrolliertes Bremsmanöver, um eine Überhitzung mit weitaus schlimmeren Folgen zu verhindern.

Das Verständnis dieses grundlegenden Mechanismus ist der Schlüssel, um die Logik hinter der scheinbar paradoxen Strategie der Inflationsbekämpfung durch Zinserhöhungen zu begreifen.

Um diese geldpolitischen Mechanismen für Ihre persönliche Finanzplanung zu nutzen, besteht der nächste logische Schritt darin, Ihre Hypotheken- und Anlagestrategie von einem unabhängigen Experten prüfen zu lassen und an das aktuelle Zinsumfeld anzupassen.

Geschrieben von Andreas Vogt, Promovierter Makroökonom (Dr. oec.) und unabhängiger Anlagestratege. Spezialist für Geldpolitik, Zinsmärkte und Währungsabsicherung.