Veröffentlicht am März 15, 2024

Ihr Anlagehorizont ist nicht nur eine Kennzahl, sondern Ihr aktivstes Werkzeug, um Anlagerisiken strategisch zu steuern und kostspielige, emotionale Entscheidungen zu vermeiden.

  • Ein früher Start ist wichtiger als hohes Startkapital, da der Zinseszinseffekt über die Zeit exponentiell wirkt.
  • Für kurz- bis mittelfristige Ziele (z.B. Hauskauf in 5 Jahren) ist ein systematischer „De-Risking-Pfad“ unerlässlich, um das Kapital zu sichern.
  • Starre Regeln wie „100 minus Lebensalter“ sind überholt; die steigende Lebenserwartung erfordert eine dynamischere und oft höhere Aktienquote, selbst im Ruhestand.

Empfehlung: Betrachten Sie Ihren Anlagehorizont nicht als statische Zahl, sondern als eine aktive Zeitachse, entlang derer Sie Ihre Aktienquote systematisch anpassen, um Ihre finanziellen Ziele sicher zu erreichen.

Die Frage nach der richtigen Aktienquote beschäftigt jeden Anleger in der Schweiz. Benötigen Sie Ihr Kapital in drei Jahren für eine Weiterbildung, in fünf für den Kauf eines Eigenheims oder erst in über zehn Jahren für den Ruhestand? Viele Ratgeber geben einfache Antworten: Je länger der Horizont, desto höher die Aktienquote. Man spricht über Risikotoleranz, Diversifikation und die Notwendigkeit, regelmässig zu investieren. Diese Ratschläge sind zwar nicht falsch, aber sie kratzen nur an der Oberfläche und lassen die wichtigste Dimension unberührt: die aktive Rolle der Zeit.

Die Unsicherheit, die viele Anleger verspüren, rührt daher, dass der Anlagehorizont oft als eine passive, in Stein gemeisselte Zahl betrachtet wird. Doch was, wenn die wahre Kunst nicht darin besteht, eine einmalig „perfekte“ Quote zu finden, sondern die Zeit selbst als strategisches Kapital zu begreifen? Ein Kapital, das es Ihnen erlaubt, Risiken nicht nur zu tragen, sondern aktiv zu managen, Ihr Portfolio vor emotionalen Kurzschlussreaktionen zu schützen und Ihre Allokation dynamisch an die Annäherung Ihrer Ziele anzupassen.

Dieser Artikel bricht mit der statischen Sichtweise. Wir werden den Anlagehorizont als aktives Steuerungsinstrument behandeln. Wir zeigen Ihnen, wie Sie Ihr Portfolio für konkrete Ziele wie einen Hauskauf vorbereiten, warum Panikverkäufe bei kurzem Anlagehorizont so verheerend sind und wie Sie selbst im Ruhestand die Zeit noch für sich arbeiten lassen können. Es geht darum, eine weitblickende Perspektive zu entwickeln und die Geduld zu kultivieren, die aus einem unsicheren Anleger einen souveränen Gestalter seines Vermögens macht.

Die folgenden Abschnitte führen Sie durch die verschiedenen Phasen und strategischen Überlegungen, die es Ihnen ermöglichen, Ihren Anlagehorizont optimal zu nutzen und die passende Aktienquote für jede Lebenslage in der Schweiz zu finden.

Warum ist der Startzeitpunkt wichtiger als das Startkapital für den Vermögensaufbau?

Für den langfristigen Vermögensaufbau ist die wichtigste Ressource nicht die Höhe Ihres Startkapitals, sondern die Zeit, die Sie dem Markt geben. Dieses Prinzip wird oft unterschätzt, ist aber der Motor für finanziellen Erfolg. Der Grund dafür liegt im Zinseszinseffekt, den Albert Einstein einst als das achte Weltwunder bezeichnete. Er bewirkt, dass nicht nur Ihr ursprünglich investiertes Kapital Rendite erwirtschaftet, sondern auch die bereits erzielten Gewinne – ein Prozess, der über die Jahre eine exponentielle Dynamik entwickelt.

Ein Anleger, der früh mit kleinen Beträgen beginnt, kann am Ende deutlich mehr Vermögen aufbauen als jemand, der später mit einer grossen Summe einsteigt. Jeder Monat, den Ihr Geld investiert ist, ist ein Monat, in dem der Zinseszins für Sie arbeitet. Dies gilt insbesondere für langfristige Vorsorgeinstrumente in der Schweiz wie die Säule 3a. Wie eine 30-Jahres-Analyse des VZ VermögensZentrums zeigt, kann eine Wertschriftenlösung gegenüber einem reinen Zinskonto einen Mehrertrag von über 90’000 CHF generieren.

Das Warten auf den „perfekten“ Einstiegszeitpunkt oder auf ein grösseres Startkapital ist daher eine der kostspieligsten Fehlentscheidungen. Die wahre Strategie besteht darin, so früh wie möglich zu beginnen und dem Faktor Zeit – Ihrem wertvollsten Zeitkapital – die Möglichkeit zu geben, seine volle Kraft zu entfalten. Ein langer Anlagehorizont glättet kurzfristige Marktschwankungen und maximiert das Potenzial für Wachstum.

Wie schichten Sie Ihr Depot 5 Jahre vor dem geplanten Hauskauf richtig um?

Ein mittelfristiger Anlagehorizont von etwa fünf Jahren, beispielsweise für den Kauf eines Eigenheims in der Schweiz, erfordert eine völlig andere Strategie als der langfristige Vermögensaufbau. Hier geht es nicht mehr um die Maximierung der Rendite, sondern um die Sicherung des Kapitals. Ein Börsencrash kurz vor dem geplanten Kauf könnte den Traum vom Eigenheim platzen lassen. Daher ist ein systematischer „De-Risking-Pfad“ unerlässlich, bei dem Sie die Aktienquote schrittweise reduzieren.

Dieser Prozess der dynamischen Allokation wandelt Ihr Portfolio von einer wachstumsorientierten zu einer kapitalerhaltenden Struktur. Fünf Jahre vor dem Zieldatum beginnen Sie damit, risikoreiche Anlagen wie Aktien schrittweise in sicherere und liquidere Anlageklassen wie hochwertige Obligationen oder Festgeldkonten umzuschichten. Dies reduziert die Anfälligkeit für Marktschwankungen und stellt sicher, dass der benötigte Betrag zum richtigen Zeitpunkt verfügbar ist.

Visualisierung der schrittweisen Portfolio-Umschichtung vor Immobilienkauf

Wie die Visualisierung andeutet, ist dies kein abrupter Wechsel, sondern ein gradueller Übergang. Jahr für Jahr verringern Sie das Risiko, sodass Sie im letzten Jahr vor dem Kauf den Grossteil des Kapitals in sehr sicheren, liquiden Mitteln halten. Dies gibt Ihnen Planungssicherheit und schützt Sie vor der Notwendigkeit, in einem ungünstigen Marktumfeld verkaufen zu müssen.

Ihr Plan zur Risikoreduzierung vor dem Hauskauf

  1. 5 Jahre vorher: Führen Sie eine detaillierte Portfolio-Analyse durch und definieren Sie Ihre finale Zielallokation (z.B. 10% Aktien, 90% sichere Anlagen).
  2. 4 Jahre vorher: Beginnen Sie mit der ersten Umschichtung und reduzieren Sie Ihre Aktienquote um etwa 20% des ursprünglichen Anteils, indem Sie Gewinne realisieren und in Obligationen investieren.
  3. 3 Jahre vorher: Setzen Sie die Umschichtung fort und verlagern Sie weitere 20% Ihres Aktienvermögens in sichere Anlagen wie Festgeld oder Kassenobligationen.
  4. 2 Jahre vorher: Reduzieren Sie die Aktienquote auf ein Minimum von maximal 20-30%, um das Portfolio weiter zu stabilisieren.
  5. 1 Jahr vorher: Führen Sie den grössten Teil des Kapitals in hochliquide Mittel wie Tagesgeldkonten über, um volle Verfügbarkeit und Kapitalschutz zu gewährleisten.

Tagesgeld oder Kassenobligationen: Was lohnt sich für Parkgelder unter 12 Monaten?

Wenn der Anlagehorizont sehr kurz ist – also unter 12 Monaten liegt – ändert sich die Priorität vollständig: Es geht ausschliesslich um Kapitalerhalt und Liquidität. Aktien und selbst viele Anleihen sind hierfür ungeeignet, da ihre Kursschwankungen das Risiko eines Verlusts zum falschen Zeitpunkt untragbar machen. Für das „Parken“ von Geldern, die Sie in Kürze benötigen (z.B. für eine grössere Anschaffung oder eine Steuerzahlung), kommen in der Schweiz primär zwei Instrumente in Frage: Tagesgeldkonten und kurzlaufende Kassenobligationen.

Tagesgeldkonten bieten maximale Flexibilität und Sicherheit. Das Geld ist jederzeit verfügbar, und die Einlagensicherung schützt Ihr Kapital bis zu 100’000 CHF pro Kunde und Bank. Kassenobligationen von soliden Emittenten wie Kantonalbanken bieten oft einen leicht höheren Zinssatz, binden das Kapital aber für eine feste Laufzeit (z.B. 12 Monate). Für einen Horizont von unter einem Jahr sind sie daher nur bedingt geeignet, es sei denn, der Fälligkeitstermin passt exakt zu Ihrem Bedarf.

In beiden Fällen ist das Ziel nicht, eine nennenswerte Rendite zu erzielen. In einem Niedrigzinsumfeld ist der Ertrag oft marginal und wird nicht selten von der Inflation aufgezehrt. Wie ein Finanzexperte treffend bemerkt, ist die Perspektive auf die Zinsen oft ernüchternd.

Der grosse Nachteil ist, dass das Geld nicht wächst, weil die Zinsen tief sind. Der Blick auf die aktuellen Zinssätze ist ernüchternd.

– Ralf Beyeler, Moneyland Finanzexperte, SRF Kassensturz

Die Entscheidung für Tagesgeld oder Kassenobligationen ist somit keine Frage der Rendite, sondern der reinen Risikovermeidung. Der Verzicht auf potenzielle Gewinne ist der Preis, den Sie für die Garantie zahlen, dass Ihr Kapital zum Stichtag in voller Höhe zur Verfügung steht.

Die Panikfalle: Warum Anleger mit kurzem Atem in Korrekturen 30% verlieren

Einer der grössten Feinde des Anlegers ist die eigene Psyche, insbesondere in turbulenten Marktphasen. Die „Panikfalle“ beschreibt das Verhalten, bei fallenden Kursen überstürzt zu verkaufen, aus Angst, noch mehr zu verlieren. Dieses Verhalten ist besonders für Anleger mit einem zu kurzen Anlagehorizont oder einer unpassend hohen Aktienquote verheerend. Wer sein Geld in drei Jahren benötigt, aber zu 80% in Aktien investiert ist, wird bei einer Marktkorrektur von 20% unweigerlich in Panik geraten.

Die Geschichte zeigt, dass Märkte sich nach Krisen immer wieder erholen. Doch diese Erholung benötigt Zeit – Zeit, die ein kurzfristig orientierter Anleger nicht hat. Der Verkauf am Tiefpunkt realisiert die Verluste und nimmt dem Portfolio jede Chance, von der anschliessenden Erholung zu profitieren. Dies ist der Hauptgrund, warum viele private Anleger deutlich schlechtere Renditen erzielen als der Markt selbst. Sie kaufen in der Euphorie und verkaufen in der Panik.

Interessanterweise zeigt sich in der Schweiz eine zunehmende Risikoaversion, die diese Falle begünstigen kann. Eine Erhebung der Schweizerischen Nationalbank (SNB) offenbarte, dass die direkte Aktienquote der Haushalte von rund 15% um die Jahrtausendwende auf unter 10% gesunken ist. Diese Vorsicht kann zwar vor grossen Schwankungen schützen, führt aber oft auch dazu, dass bei den ersten Anzeichen einer Krise sofort verkauft wird, anstatt die Korrektur als Chance zu sehen.

Ein langer Anlagehorizont ist der beste Schutz vor der Panikfalle. Er gibt Ihnen die Gelassenheit, Marktkorrekturen auszusitzen, weil Sie wissen, dass Ihr „Zeitkapital“ ausreicht, um auf die Erholung zu warten. Ohne diesen zeitlichen Puffer wird die emotionale Belastung zu gross, und die Wahrscheinlichkeit einer teuren Fehlentscheidung steigt dramatisch an.

Wann ist der schlechteste Zeitpunkt, um mit der Entnahme aus dem Depot zu beginnen?

Der Übergang vom Vermögensaufbau in die Entnahmephase, typischerweise bei der Pensionierung, birgt eine oft übersehene, aber kritische Gefahr: das Sequenzrisiko (Sequence of Returns Risk). Es beschreibt das Risiko, dass die Reihenfolge der erzielten Renditen einen massiven Einfluss auf die Langlebigkeit Ihres Portfolios hat. Der denkbar schlechteste Zeitpunkt für den Beginn der Entnahme ist direkt nach einem Börsencrash oder zu Beginn einer längeren Baisse.

Wenn Sie in den ersten Jahren Ihres Ruhestands gezwungen sind, Anteile zu verkaufen, um Ihren Lebensunterhalt zu finanzieren, während die Märkte am Boden liegen, zementieren Sie die Verluste. Sie müssen eine viel grössere Anzahl von Anteilen veräussern, um den gleichen Frankenbetrag zu erhalten. Diese Anteile fehlen dann, wenn sich die Märkte erholen, was die Regenerationsfähigkeit Ihres Kapitals dauerhaft schwächt. Das Portfolio kann sich von diesem Aderlass zu Beginn der Entnahmephase nie wieder richtig erholen.

Darstellung des Renditereihenfolgerisikos bei Portfolioentnahmen im Ruhestand

Um diesem Risiko entgegenzuwirken, schlagen Experten wie Wade Pfau eine kontraintuitive Strategie vor. Anstatt mit einer hohen Aktienquote in den Ruhestand zu starten und diese dann zu reduzieren, plädiert er für das Gegenteil. Die Empfehlung lautet, mit einem vergleichsweise geringen Aktienanteil von etwa 20% in den Ruhestand zu starten und diesen dann im Laufe der Jahre schrittweise zu erhöhen. Diese Strategie schützt das Kapital in den kritischen ersten Entnahmejahren vor grossen Markteinbrüchen und erlaubt es, später von steigenden Märkten zu profitieren, wenn das Sequenzrisiko abgenommen hat.

Ein ausreichender Puffer an liquiden Mitteln für die ersten zwei bis drei Jahre des Ruhestands kann ebenfalls helfen, Verkäufe zu ungünstigen Zeitpunkten zu vermeiden. Geduld und eine vorausschauende Planung sind auch hier der Schlüssel, um das über Jahrzehnte aufgebaute Vermögen zu sichern.

Die „100 minus Lebensalter“-Regel: Ist diese Faustformel heute noch gültig?

Die Faustformel „100 minus Lebensalter ergibt die empfohlene Aktienquote“ war über Jahrzehnte ein beliebter Anhaltspunkt für die Portfolio-Strukturierung. Ein 40-Jähriger sollte demnach 60% in Aktien halten, ein 70-Jähriger nur noch 30%. Die Logik dahinter ist einfach: Mit zunehmendem Alter sinkt der Anlagehorizont und damit die Fähigkeit, Verluste auszusitzen. Doch in der heutigen Zeit ist diese Regel aus mehreren Gründen überholt und potenziell schädlich.

Der wichtigste Faktor ist die gestiegene Lebenserwartung. Ein heute 65-jähriger Schweizer hat eine statistische Restlebenserwartung von rund 20 Jahren. Ein Anlagehorizont von 20 Jahren ist alles andere als kurzfristig und rechtfertigt eine deutlich höhere Aktienquote als die von der alten Regel suggerierten 35%. Wer sein Kapital zu konservativ anlegt, läuft Gefahr, dass die Kaufkraft durch die Inflation langsam aufgezehrt wird und das Geld nicht bis ans Lebensende reicht.

Aus diesem Grund tendieren moderne Ansätze eher zu Formeln wie „110 oder sogar 120 minus Lebensalter“. Dies trägt der längeren Lebens- und damit Anlagedauer Rechnung. Einige Experten gehen sogar noch weiter und plädieren für eine konstant hohe Aktienquote, auch im Alter. Sie argumentieren, dass das Langlebigkeitsrisiko – das Risiko, dass das Geld ausgeht – grösser ist als das Marktrisiko.

Wer rational handelt, investiert das für den Ruhestand angesparte Vermögen ab Pensionierung nicht bloss zu 40 bis 80%, sondern gleich zu 100% in Aktien

– Thomas Braun, Partner bei Braun, von Wyss & Müller (BWM)

Eine solch hohe Quote ist nicht für jeden geeignet, da sie eine hohe Risikobereitschaft und -fähigkeit erfordert. Die Kernaussage ist jedoch klar: Starre, rein altersbasierte Regeln ignorieren die individuelle Situation, die finanzielle Risikofähigkeit und vor allem den realen, durch die höhere Lebenserwartung verlängerten Anlagehorizont. Eine dynamische Betrachtung ist unerlässlich.

Wie staffeln Sie Laufzeiten von 1 bis 10 Jahren für einen konstanten Cashflow?

Für Anleger, die einen regelmässigen und planbaren Cashflow aus ihrem Portfolio generieren möchten – beispielsweise zur Aufbesserung der Rente oder zur Deckung laufender Kosten – ist die sogenannte „Bond Ladder“ oder Anleihenleiter eine bewährte und elegante Strategie. Sie zielt darauf ab, das Zinsrisiko zu minimieren und gleichzeitig für eine konstante Liquidität zu sorgen. Dies wird durch eine Staffelung von Anleihen mit unterschiedlichen Laufzeiten erreicht.

Die Grundidee ist einfach: Statt das gesamte für Anleihen vorgesehene Kapital in eine einzige Obligation mit langer Laufzeit zu investieren, verteilen Sie es gleichmässig auf mehrere Anleihen mit gestaffelten Fälligkeiten. Zum Beispiel könnten Sie bei einem Kapital von 100’000 CHF je 10’000 CHF in Anleihen investieren, die in 1, 2, 3, …, bis 10 Jahren fällig werden. In der Schweiz würden sich hierfür beispielsweise Kassenobligationen verschiedener solider Kantonalbanken eignen.

Der Mechanismus funktioniert wie folgt:

  1. Aufbau: Sie kaufen Anleihen mit jährlich gestaffelten Laufzeiten (z.B. von 1 bis 10 Jahren).
  2. Cashflow: Jedes Jahr wird nun eine Anleihe fällig und das Kapital wird samt Zinsen an Sie zurückgezahlt.
  3. Reinvestition: Das frei werdende Kapital können Sie entweder für Ihren Lebensunterhalt nutzen oder – um die Leiter aufrechtzuerhalten – in eine neue Anleihe mit der längsten Laufzeit (in diesem Beispiel 10 Jahre) reinvestieren.

Diese Strategie bietet mehrere Vorteile: Sie haben jedes Jahr Zugriff auf einen Teil Ihres Kapitals, was die Liquidität erhöht. Gleichzeitig sind Sie weniger stark von Zinsschwankungen betroffen. Steigen die Zinsen, können Sie das frei werdende Kapital zu den neuen, besseren Konditionen reinvestieren. Fallen die Zinsen, profitieren Sie weiterhin von den höheren Zinskupons der länger laufenden Anleihen in Ihrem Portfolio. Die Anleihenleiter glättet somit die Zinserträge über die Zeit.

Das Wichtigste in Kürze

  • Ihr Anlagehorizont ist das mächtigste Werkzeug zur Risikosteuerung. Er bestimmt, ob Sie Marktschwankungen aussitzen können oder nicht.
  • Für kurz- und mittelfristige Ziele (weniger als 5-7 Jahre) hat der Kapitalerhalt absolute Priorität vor der Renditemaximierung. Eine systematische Reduktion der Aktienquote ist hier unerlässlich.
  • Alte Faustregeln wie „100 minus Lebensalter“ sind angesichts der gestiegenen Lebenserwartung überholt. Ein längerer Anlagehorizont, auch im Ruhestand, rechtfertigt oft eine höhere Aktienquote.

Wie finden Sie das perfekte Mischverhältnis von Aktien und Obligationen für Ihre Risikotoleranz?

Letztendlich ist die Bestimmung der idealen Aktienquote eine zutiefst persönliche Entscheidung, die über den reinen Anlagehorizont hinausgeht. Sie muss im Einklang mit Ihrer individuellen Risikotoleranz stehen. Diese Toleranz hat zwei Komponenten, wie es der Anlagestratege Christian Gattiker von der Bank Julius Bär treffend formuliert: die Fähigkeit, Risiken zu tragen, und den Willen, dies zu tun. Die Risikofähigkeit ist objektiv und wird durch Ihre finanzielle Situation bestimmt (Vermögen, Einkommen, Anlagehorizont). Der Risikowille hingegen ist subjektiv und beschreibt Ihre emotionale Belastbarkeit bei Marktschwankungen.

Um Ihr persönliches Mischverhältnis zu finden, müssen Sie sich ehrlich fragen: Wie viel Verlust könnte ich ertragen, ohne in Panik zu geraten und alles zu verkaufen? Ein Blick auf historische Daten kann hier helfen, die potenziellen Risiken verschiedener Allokationen greifbar zu machen. Ein Portfolio mit 100% Aktien musste in der Vergangenheit bereits Wertverluste von bis zu 50% hinnehmen, während ein konservatives Portfolio mit 30% Aktien deutlich geringere Einbrüche verzeichnete.

Die folgende Tabelle illustriert, wie sich verschiedene Allokationen historisch verhalten haben und kann als Orientierungshilfe für die Definition Ihres eigenen Risikoprofils dienen. Eine Analyse verschiedener ETF-Portfolios zeigt diese Zusammenhänge deutlich.

Portfolio-Allokationen nach Risikoprofil
Risikoprofil Aktienquote Anleihenquote Max. Drawdown (historisch)
Konservativ 30% 70% -15%
Ausgewogen 50% 50% -25%
Wachstum 70% 30% -35%
Aggressiv 100% 0% -50%

Die perfekte Allokation ist jene, die Sie langfristig durchhalten können, ohne bei der ersten grossen Krise die Nerven zu verlieren. Sie ist ein Kompromiss zwischen der angestrebten Rendite und dem maximalen Verlust, den Sie mental und finanziell verkraften können. Der Anlagehorizont gibt den Rahmen vor, doch Ihre persönliche Risikotoleranz füllt diesen Rahmen mit Leben.

Nachdem Sie alle strategischen Aspekte kennengelernt haben, ist es Zeit, diese zu bündeln und Ihr persönliches, ausgewogenes Mischverhältnis zu definieren.

Um die für Sie passende Strategie zu entwickeln, die sowohl Ihren Anlagehorizont als auch Ihre persönliche Risikoneigung berücksichtigt, ist eine fundierte und individuelle Analyse der nächste logische Schritt. Bewerten Sie Ihre Situation sorgfältig, um eine weitblickende und stabile Anlagestrategie für Ihre Zukunft in der Schweiz aufzubauen.

Geschrieben von Thomas Keller, CFA-Chartholder und Senior Portfolio Manager mit 12 Jahren Erfahrung im Asset Management bei Schweizer Grossbanken. Spezialisiert auf Aktienstrategien, ETFs und Core-Satellite-Portfolios.