Veröffentlicht am Mai 10, 2024

Die gängige FIRE-Formel (Jahresausgaben x 25) ist für die Schweiz unbrauchbar und gefährlich.

  • Deine wahre FIRE-Zahl hängt massiv von deinem Wohnkanton ab, nicht von kleinen Einsparungen.
  • Die 4%-Regel muss wegen der Vermögenssteuer und tiefen Zinsen auf ca. 3-3.5% korrigiert werden, um dein Kapital zu schützen.

Empfehlung: Optimiere zuerst die 3 grossen Kosten-Festungen (Wohnen, Steuern, Krankenkasse), bevor du dein Geld aggressiv investierst.

Jeder in der Schweizer FIRE-Community kennt den Traum: Genug Vermögen anhäufen, um von den Erträgen leben zu können und dem 9-to-5-Trott zu entkommen. Du hast wahrscheinlich die Blogs gelesen, die Podcasts gehört und mit Online-Rechnern gespielt. Die gängige Weisheit, oft aus den USA importiert, predigt eine einfache Formel: Nimm deine Jahresausgaben, multipliziere sie mit 25, und voilà – deine magische FIRE-Zahl. Doch hier kommt die brutal ehrliche Wahrheit: In der Schweiz, dem Land der hohen Mieten und obligatorischen Abgaben, ist dieser Ansatz bestenfalls naiv, schlimmstenfalls ein Rezept für den finanziellen Ruin.

Die meisten Diskussionen drehen sich um die Optimierung kleiner Ausgaben – den Kaffee-to-go streichen, das Abo kündigen. Das ist nicht falsch, aber es ist, als würde man versuchen, einen Waldbrand mit einer Wasserpistole zu löschen. Die wahre Herausforderung liegt nicht in den kleinen Alltagsausgaben, sondern im Kampf gegen die drei grossen Kosten-Festungen der Schweiz: Wohnen, Steuern und die obligatorische Krankenkasse. Deine finanzielle Freiheit wird nicht durch Verzicht auf Kleinigkeiten gewonnen, sondern durch eine strategische Offensive gegen diese Giganten.

Aber was wäre, wenn der Schlüssel nicht darin liegt, einfach mehr zu sparen, sondern das System selbst zu deinem Vorteil zu nutzen? Was, wenn deine FIRE-Zahl keine statische Zielvorgabe ist, sondern eine dynamische Variable, die du aktiv und drastisch senken kannst? Dieser Artikel bricht mit den gängigen Platitüden. Wir werden nicht über den Preis von Avocados sprechen. Stattdessen zeigen wir dir, wie du durch smarte System-Optimierung und radikale Geo-Arbitrage innerhalb der Schweiz deine finanzielle Unabhängigkeit um Jahre beschleunigen kannst. Es ist an der Zeit, die realen Hebel zu betätigen.

In den folgenden Abschnitten zerlegen wir die Mythen der FIRE-Bewegung im Schweizer Kontext. Wir zeigen dir, warum eine Million Franken oft nicht reicht, wie du die 4%-Regel für die Schweiz anpassen musst und wie ein einfacher Umzug deine Sparquote explodieren lassen kann. Mach dich bereit für einen ehrlichen und umsetzbaren Plan.

Wann können Sie mit 1 Million Franken Vermögen in der Schweiz wirklich aufhören zu arbeiten?

Die Summe von einer Million Franken hat eine fast mythische Aura in der Finanzwelt. Sie klingt nach Sicherheit, nach „gemacht haben“. Doch in der Schweiz ist diese Zahl trügerisch. Die ehrliche Antwort auf die Frage, ob eine Million reicht, lautet: Es kommt darauf an. Genauer gesagt, es kommt darauf an, wo du deinen Briefkasten aufstellst. Die Lebenshaltungskosten sind nicht landesweit hoch, sie sind in bestimmten Regionen exorbitant. Dein grösster Ausgabenblock und damit der grösste Hebel für deine FIRE-Zahl ist die Miete.

Eine 3-Zimmer-Wohnung in Genf oder Zürich kann dich leicht 3’500 CHF pro Monat kosten, während eine vergleichbare Wohnung im Kanton Jura oder Appenzell für unter 1’500 CHF zu haben ist. Das sind 24’000 CHF Unterschied pro Jahr. Um diese zusätzlichen 24’000 CHF an Kosten zu decken, bräuchtest du bei einer 3.5%-Entnahmerate fast 700’000 CHF mehr an investiertem Kapital. Deine FIRE-Zahl ist also keine fixe Grösse, sondern eine dynamische FIRE-Zahl, die direkt von deiner Wohnadresse abhängt.

Eine Million Franken kann in einem Hochpreiskanton wie Zug oder Genf innerhalb von 15-20 Jahren aufgebraucht sein, wenn du nur davon lebst. In einem günstigeren Kanton wie Glarus, Uri oder Appenzell Innerrhoden hingegen kann dieselbe Summe ein Leben lang reichen. Wie Analysen zeigen, präsentieren sich diese Kantone aufgrund geringer Wohnkosten und tieferer Steuerbelastung finanziell am attraktivsten. Vergiss also die fixe Zahl und frage dich stattdessen: „Welche jährlichen Ausgaben verursacht mein gewählter Lebensstil an meinem gewählten Wohnort?“ Erst dann kannst du deine persönliche, realistische FIRE-Zahl berechnen.

Der erste Schritt zur finanziellen Freiheit in der Schweiz ist daher nicht das Sparen im Detail, sondern eine strategische Entscheidung über den Wohnort. Dies allein kann den Unterschied zwischen „FIRE in 10 Jahren“ und „FIRE in 30 Jahren“ ausmachen.

Wie erhöhen Sie Ihre Sparquote auf 50%, ohne in Zürich auf Lebensqualität zu verzichten?

Eine hohe Sparquote ist der Motor der FIRE-Bewegung. Doch in einer Stadt wie Zürich, wo der Medianlohn kaum die hohen Kosten deckt, scheint eine Sparquote von 50% für viele utopisch. Die Lösung liegt nicht darin, jeden Rappen zweimal umzudrehen und auf jegliche Lebensqualität zu verzichten. Die Lösung heisst Geo-Arbitrage im Kleinen – die bewusste Nutzung der Preisunterschiede innerhalb des gleichen Wirtschaftsraums.

Das bedeutet konkret: Du arbeitest in der teuren Stadt (z.B. Zürich), aber du wohnst in einer günstigeren Gemeinde im Einzugsgebiet. Ein Umzug von der Stadt Zürich in eine Gemeinde, die 30-40 Minuten mit der S-Bahn entfernt liegt, kann deine Miete halbieren. Das sind Einsparungen von 1’000 CHF bis 1’500 CHF pro Monat. Diese Strategie ist der mit Abstand grösste Hebel, um deine Sparquote dramatisch zu erhöhen, ohne deinen sozialen Kreis oder deinen Job aufgeben zu müssen.

Dieser Ansatz nutzt das exzellente öffentliche Verkehrsnetz der Schweiz, wie das ZVV-Netz, als strategischen Vorteil. Die gewonnene Zeit im Zug lässt sich zudem produktiv für Weiterbildung, das Lesen von Finanzbüchern oder die Planung deines nächsten Karriereschritts nutzen.

Visualisierung der Geo-Arbitrage-Strategie im Grossraum Zürich für höhere Sparquoten

Neben dem Wohnen gibt es zwei weitere grosse Hebel: die Krankenkasse und die Steuern. Durch den Wechsel zur höchsten Franchise (2’500 CHF) und einen jährlichen Vergleich der Anbieter kannst du leicht bis zu 2’000 CHF pro Jahr sparen. Die maximale Einzahlung in die Säule 3a (aktuell rund 7’000 CHF) reduziert nicht nur deine Steuerlast erheblich, sondern ist auch ein zentraler Baustein deines Vermögensaufbaus. Diese drei Hebel – Wohnen, Krankenkasse, Steuern – sind die wahren Beschleuniger deiner Sparquote.

Anstatt dich also auf das Sparen von 10 CHF beim Mittagessen zu konzentrieren, fokussiere dich auf die Optimierung, die dir 1’000 CHF pro Monat bringt. Das ist der Unterschied zwischen langsamen Fortschritt und einem Quantensprung in Richtung finanzielle Freiheit.

4%-Regel in der Schweiz: Funktioniert das US-Modell auch mit Negativzinsen und Vermögenssteuer?

Die 4%-Regel, basierend auf der historischen Trinity-Studie aus den USA, ist ein Eckpfeiler der internationalen FIRE-Bewegung. Sie besagt, dass du jährlich 4% deines Portfolios entnehmen kannst, ohne dass dein Kapital über 30 Jahre zur Neige geht. Doch die Übertragung dieses Modells 1:1 auf die Schweiz ist gefährlich. Zwei spezifisch schweizerische Faktoren torpedieren diese einfache Rechnung: Negativ- bzw. Tiefzinsen und die Vermögenssteuer.

Während in den USA nur Erträge und Kapitalgewinne besteuert werden, erheben die Schweizer Kantone eine jährliche Steuer auf das Gesamtvermögen. Diese Steuer mag auf den ersten Blick gering erscheinen, aber sie wirkt wie ein stetiger Gegenwind für dein Portfolio. Je nach Kanton reicht der Steuersatz von 1,3‰ bis über 10‰. Bei einem Vermögen von 1 Million Franken bedeutet das eine jährliche Belastung zwischen 1’300 CHF und 10’100 CHF. Diese Summe musst du zusätzlich zu deinen Lebenshaltungskosten erwirtschaften, was deine sichere Entnahmerate direkt reduziert.

Zudem basierte die ursprüngliche Studie auf einem Umfeld mit deutlich höheren Zinsen, die für Stabilität im Portfolio sorgten. Im heutigen Tiefzinsumfeld ist die risikofreie Rendite nahe null, was die Anfälligkeit des Portfolios für Marktschwankungen erhöht. Schweizer Finanzexperten und Simulationen, die Schweizer Daten berücksichtigen, kommen daher zu einem ernüchternden Schluss. Eine Analyse der Trinity-Studie mit Schweizer Daten zeigt, dass für eine 95% Erfolgswahrscheinlichkeit eine angepasste Entnahmerate nötig ist. Viele Experten empfehlen für die Schweiz eine konservativere Entnahmerate von 3% bis 3.5%. Das bedeutet, du brauchst für den gleichen Lebensstandard ein deutlich höheres Vermögen (ca. 30-33x deine Jahresausgaben statt 25x).

Die 4%-Regel ist ein nützlicher Ausgangspunkt, aber für einen wasserdichten Plan in der Schweiz musst du sie nach unten korrigieren. Alles andere wäre eine riskante Wette auf deine Zukunft.

Das unterschätzte Risiko der AHV-Beitragslücken bei vorzeitigem Ruhestand

In der Euphorie der FIRE-Planung konzentrieren sich die meisten auf die private Vermögensbildung und übersehen dabei eine kritische Komponente des Schweizer Systems: die Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV). Wer vor dem ordentlichen Rentenalter aufhört zu arbeiten, riskiert die sogenannte Beitragslücken-Falle. Jedes fehlende Beitragsjahr führt zu einer lebenslangen Kürzung der AHV-Rente um circa 2.3%. Das mag nicht nach viel klingen, summiert sich aber über die Jahre zu einem erheblichen Betrag.

Als Nichterwerbstätiger bist du nicht von der Beitragspflicht befreit. Du musst weiterhin AHV-Beiträge entrichten, die sich nach deinem Vermögen und Renteneinkommen richten. Diese Beiträge können eine signifikante zusätzliche Belastung für dein FIRE-Budget darstellen und müssen in deiner Kalkulation der Jahresausgaben unbedingt berücksichtigt werden. Ein Versäumnis hier kann deine sorgfältig geplante Finanzfreiheit gefährden.

Ihr Plan zur Vermeidung von AHV-Lücken

  1. Ehepartner-Strategie prüfen: Wenn dein Partner weiterarbeitet und mindestens den doppelten Mindestbeitrag (aktuell ca. 1’028 CHF pro Jahr) einzahlt, sind deine Beiträge als Nichterwerbstätiger abgedeckt. Kläre dies mit eurer Ausgleichskasse ab.
  2. Minimales Teilzeitpensum evaluieren: Bereits eine kleine Teilzeitanstellung (z.B. 20%), die ein Einkommen von über 4’851 CHF pro Jahr generiert, kann ausreichen, um die Beitragspflicht zu erfüllen und gleichzeitig den psychologischen Druck des „Nicht-Arbeitens“ zu reduzieren.
  3. Beiträge als Nichterwerbstätiger budgetieren: Wenn du vollständig aufhörst zu arbeiten, musst du die jährlichen AHV-Beiträge als feste Ausgabe einplanen. Diese Beiträge steigen mit deinem Vermögen. Eine erste Schätzung ist entscheidend.
  4. Frühzeitige Abklärung mit der Ausgleichskasse: Nimm proaktiv Kontakt mit deiner kantonalen Ausgleichskasse auf, um deine individuelle Situation zu besprechen und die genaue Höhe der Beiträge für Nichterwerbstätige zu erfahren.
  5. Potenzielle Rentenkürzung einkalkulieren: Sollte es dennoch zu Lücken kommen, berechne die lebenslange Rentenkürzung (ca. 2.3% pro fehlendes Jahr) und plane, wie du diese Differenz aus deinem privaten Vermögen decken wirst.

Die AHV ist das Fundament der Schweizer Altersvorsorge. Selbst wenn du planst, hauptsächlich von deinem privaten Vermögen zu leben, solltest du dieses Fundament nicht durch Unachtsamkeit bröckeln lassen. Eine lückenlose AHV-Historie sichert dir eine garantierte, inflationsgeschützte Basisrente im Alter.

Die Planung der AHV-Beiträge ist ein entscheidender, oft übersehener Schritt, der den Unterschied zwischen einem robusten und einem fragilen FIRE-Plan ausmacht.

Steuergünstige Wohnorte: Wie ein Umzug in den Nachbarkanton Ihre Freiheit um 5 Jahre beschleunigt

Wir haben bereits festgestellt, dass der Wohnort die Miete beeinflusst. Doch der zweite, ebenso mächtige Hebel der Geo-Arbitrage ist die Steuerlast. Das Schweizer Steuersystem ist geprägt durch eine hohe Autonomie der Kantone und Gemeinden, was zu massiven Unterschieden führt. Ein Umzug von einem Hochsteuerkanton in einen Tiefsteuerkanton kann deine jährliche Steuerrechnung mehr als halbieren und so deine Sparquote und damit deine Reise zur finanziellen Freiheit dramatisch beschleunigen.

Nehmen wir ein konkretes Beispiel: Ein Single mit einem Bruttoeinkommen von 150’000 CHF. In Kantonen wie Genf, Bern oder Basel-Landschaft ist die Steuerbelastung hoch. Ein Umzug in den Kanton Schwyz oder Zug kann eine jährliche Steuerersparnis von über 20’000 CHF bedeuten. Das sind 20’000 CHF, die du zusätzlich investieren kannst. Über zehn Jahre, mit Zinseszins, entsteht daraus ein zusätzliches Vermögen von über 250’000 CHF. Dein Ziel der finanziellen Unabhängigkeit rückt so um mehrere Jahre näher.

Diese Entscheidung wird in der Entnahmephase sogar noch wichtiger. Die bereits erwähnte Vermögenssteuer variiert ebenfalls stark. Ein Kanton mit hoher Vermögenssteuer kann deine sichere Entnahmerate empfindlich schmälern, während ein steuergünstiger Kanton dein Kapital schont. Die Wahl des Wohnortes ist also eine doppelte strategische Entscheidung: Sie optimiert deine Sparrate in der Ansparphase und schützt dein Kapital in der Entnahmephase.

Die folgende Tabelle vergleicht einige beliebte Kantone für FIRE-Aspiranten und zeigt die gewaltigen Unterschiede bei den Gesamtkosten im Vergleich zum teuren Pflaster Zürich, basierend auf einer umfassenden Analyse der Lebenshaltungskosten.

Gesamtkostenvergleich beliebter FIRE-Kantone
Kanton Steuerlast (150k Einkommen) Ø Miete 3-Zimmer KK-Prämie/Monat Gesamtersparnis/Jahr vs. Zürich
Schwyz Sehr niedrig 1’800 CHF 320 CHF +15’000 CHF
Zug Niedrig 2’500 CHF 330 CHF +8’000 CHF
Appenzell I. Niedrig 1’400 CHF 290 CHF +18’000 CHF

Bevor du also über die Allokation deines ETF-Portfolios nachdenkst, solltest du die Landkarte der Schweiz studieren. Dein zukünftiger Wohnort ist eine der wichtigsten finanziellen Entscheidungen deines Lebens.

Das „Pay Yourself First“-Prinzip: Warum Daueraufträge am Lohntag besser funktionieren als Disziplin

Disziplin ist endlich. Motivation kommt und geht. Wenn dein Weg zur finanziellen Freiheit allein auf Willenskraft beruht, ist er zum Scheitern verurteilt. Der robusteste Ansatz, um eine hohe Sparquote konsequent durchzuhalten, ist die vollständige Automatisierung deiner Finanzen nach dem Prinzip „Pay Yourself First“. Anstatt am Monatsende zu sparen, was übrig bleibt, bezahlst du zuerst deine zukünftige finanzielle Freiheit – und zwar automatisch am Tag des Lohnseingangs.

Das Einrichten einer Automatisierungs-Kaskade nimmt dir die täglichen Entscheidungen ab und stellt sicher, dass deine Spar- und Investitionsziele Priorität haben. Dein Gehirn muss sich nicht mehr jeden Tag zwischen Konsum und Sparen entscheiden. Die Entscheidung wurde einmal getroffen und wird nun vom System ausgeführt. Wie Becky, die mit 53 Jahren finanziell frei wurde, in einem Interview auf dem Blog Mustachian Post treffend bemerkte:

Pay yourself first

– Becky, 53 und finanziell frei, Mustachian Post – FIRE Success Story

Eine effektive Kaskade in der Schweiz könnte so aussehen: Dein Lohn geht auf deinem Hauptkonto ein. Von dort aus werden am selben Tag mehrere Daueraufträge ausgeführt. Der erste füllt deinen 3a-Topf auf (z.B. monatlich 1/12 des Maximalbetrags). Der zweite überweist deinen definierten Sparbetrag auf dein Broker-Konto für ETF-Sparpläne. Ein dritter Dauerauftrag geht auf ein separates Konto, auf dem du deine voraussichtliche Jahressteuer ansparst. Was danach auf deinem Lohnkonto übrig bleibt, ist für deine monatlichen Lebenshaltungskosten frei verfügbar. Kein schlechtes Gewissen, kein Zögern.

Hör auf, dich auf deine Willenskraft zu verlassen. Baue dir ein System, das für dich arbeitet, selbst an Tagen, an denen du keine Lust hast, an deine Finanzen zu denken. Das ist der wahre Schlüssel zu konsistentem Vermögensaufbau.

Warum reicht die 1. und 2. Säule heute für 60% der Schweizer nicht mehr aus?

Das Drei-Säulen-System der Schweiz galt lange als Garant für einen sorgenfreien Ruhestand. Doch die Realität hat sich gewandelt. Sich allein auf die AHV (1. Säule) und die Pensionskasse (BVG, 2. Säule) zu verlassen, ist für die meisten angehenden Rentner heute ein riskantes Unterfangen. Zwei Entwicklungen sind dafür hauptverantwortlich: der demografische Wandel und der sinkende BVG-Umwandlungssatz.

Die AHV funktioniert nach einem Umlageverfahren: Die arbeitende Bevölkerung finanziert die Renten der Pensionäre. Da die Menschen immer älter werden und die Geburtenrate sinkt, gerät dieses System zunehmend unter Druck. Die zukünftige Höhe der AHV-Renten ist daher mit Unsicherheiten behaftet. Noch direkter spürbar ist jedoch die Erosion in der 2. Säule. Der gesetzliche Mindestumwandlungssatz, der bestimmt, wie viel Rente du jährlich aus deinem Pensionskassenkapital erhältst, wurde kontinuierlich gesenkt. Wie Finanzexperten betonen, ist der gesetzliche BVG-Umwandlungssatz seit 2010 von 6.8% auf 6.0% gesunken. Für 100’000 CHF Kapital erhältst du also heute 800 CHF weniger Rente pro Jahr als noch vor einem Jahrzehnt.

Diese Entwicklung führt zu einer spürbaren Rentenlücke. Das ist die Differenz zwischen dem gewohnten Lebensstandard (oft als 80% des letzten Lohns definiert) und der tatsächlichen Rente aus der 1. und 2. Säule. Selbst für Personen mit einem durchschnittlichen Einkommen ist diese Lücke erheblich. Bei einem Medianlohn in der Schweiz von rund 6’665 Franken ergibt sich bereits eine Rentenlücke von etwa 30%. Für FIRE-Aspiranten, die viel früher aus dem Erwerbsleben ausscheiden und weniger in die 2. Säule einzahlen, ist diese Lücke natürlich noch dramatischer.

Die Konsequenz ist unmissverständlich: Der Aufbau von privatem Vermögen in der 3. Säule und darüber hinaus ist heute keine Option mehr, sondern eine absolute Notwendigkeit für jeden, der seinen Lebensstandard im Alter halten oder gar finanzielle Freiheit erreichen möchte.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die klassische 4%-Regel ist für die Schweiz ungeeignet; eine konservativere Rate von 3-3.5% ist aufgrund der Vermögenssteuer realistischer.
  • Deine FIRE-Zahl wird massgeblich durch die „drei Kosten-Festungen“ bestimmt: Wohnkanton, Steuern und Krankenkasse.
  • Geo-Arbitrage innerhalb der Schweiz ist der stärkste Hebel, um die Sparquote zu maximieren und die FIRE-Zahl aktiv zu senken.

Wie bauen Sie ein passives Einkommen mit Schweizer Dividendenperlen steuereffizient auf?

Der letzte Baustein auf dem Weg zur finanziellen Freiheit ist der Aufbau eines effizienten, passiven Einkommensstroms. Für die meisten Schweizer Anleger führt der Weg über kostengünstige, breit diversifizierte ETFs. Doch auch hier lauert eine Schweizer Eigenheit, die über Tausende von Franken an Rendite entscheiden kann: die Verrechnungssteuer und die Quellensteuer. Ein steuerlich unoptimiertes Portfolio kann deine Erträge empfindlich schmälern.

Die goldene Regel lautet: Das Domizil deines ETFs ist entscheidend. Für ETFs, die in Schweizer Aktien investieren, solltest du zwingend einen Anbieter mit Domizil Schweiz wählen. Nur so kannst du die 35% Verrechnungssteuer auf Dividenden vollständig und unkompliziert zurückfordern. Bei einem ausländischen ETF wird dies kompliziert bis unmöglich.

Für ausländische Aktien, insbesondere aus den USA, gilt eine andere Logik. Hier sind ETFs mit Domizil Irland die erste Wahl. Dank des Doppelbesteuerungsabkommens zwischen Irland und den USA wird auf US-Dividenden nur eine Quellensteuer von 15% statt der üblichen 30% fällig. Diese 15% können zwar nicht zurückgefordert werden, aber die Belastung ist von vornherein halbiert. Diese Wahl des ETF-Domizils ist eine der wichtigsten Optimierungen für Schweizer Investoren, wie das Schweizerische Vermögenszentrum klar aufzeigt.

Die Umsetzung dieser Strategie erfolgt am besten über einen kostengünstigen 3a-Anbieter oder einen Online-Broker. Die Wahl des richtigen Anbieters ist dabei ebenso wichtig.

Säule 3a Anbieter für ETF-Investments
Anbieter Max. Aktienquote Kosten p.a. Besonderheit
VIAC 99% 0.44% Individuelle Strategie möglich
Frankly 95% 0.48% Zürcher Kantonalbank
Finpension 99% 0.39% Günstigste Gebühren

Ein steueroptimiertes Portfolio ist kein Hexenwerk, sondern das Ergebnis bewusster Entscheidungen. Die richtige Struktur deines Portfolios ist die Grundlage für maximalen Zinseszinseffekt.

Indem du die steuerlichen Gegebenheiten der Schweiz zu deinem Vorteil nutzt, stellst du sicher, dass ein grösserer Teil der Marktrendite auch tatsächlich in deiner Tasche landet und dich schneller an dein Ziel der finanziellen Freiheit bringt.

Geschrieben von Sophie Bischof, Zertifizierte Finanzplanerin (IAF) und Frugalismus-Coach. Sie hilft Schweizern, ihre Sparquote zu maximieren und finanzielle Unabhängigkeit (FIRE) trotz hoher Lebenshaltungskosten zu erreichen.