Veröffentlicht am Mai 20, 2024

Die effektive Anpassung Ihres Depots an den Wirtschaftszyklus hängt nicht vom Reagieren auf bekannte Nachrichten ab, sondern vom proaktiven Deuten stiller Signale.

  • Führende Indikatoren wie das KOF Konjunkturbarometer signalisieren Trendwenden Monate, bevor sie in den Arbeitslosenzahlen sichtbar werden.
  • Extreme Marktstimmung, gemessen an Volatilitätsindizes wie dem VSMI, dient oft als verlässlicher Kontraindikator für strategische Kaufentscheidungen.

Empfehlung: Konzentrieren Sie sich auf eine disziplinierte Sektor-Rotation und das Timing anhand von Frühindikatoren, statt sich von der medialen Hektik leiten zu lassen.

Jeder Anleger kennt das Gefühl der Unsicherheit. Die Schlagzeilen malen ein düsteres Bild von Rezession, während andere von einer bevorstehenden Erholung sprechen. Die instinktive Reaktion ist oft, auf bekannte Kennzahlen wie das Bruttoinlandsprodukt (BIP) oder Inflationsdaten zu schauen. Man versucht, das Portfolio durch den Kauf defensiver Titel abzusichern oder hofft, den perfekten Tiefpunkt für den Einstieg in zyklische Werte zu erwischen. Doch dieser reaktive Ansatz führt oft dazu, dass man den wichtigsten Wendepunkten hinterherläuft. Man verkauft, wenn die Angst am grössten ist, und kauft, wenn die Gier die Kurse bereits in die Höhe getrieben hat.

Die meisten Ratschläge beschränken sich auf die Grundlagen: diversifizieren Sie, kaufen Sie Qualitätsaktien. Das ist zwar richtig, aber für den taktischen Anleger, der sein Portfolio aktiv an die Marktphasen anpassen will, nicht ausreichend. Die wahre Kunst der Zyklusanpassung liegt nicht im Reagieren auf die lauten Schlagzeilen, sondern im antizipierenden Deuten von „stillen Signalen“. Was wäre, wenn der Schlüssel nicht darin liegt, auf die Bestätigung einer Rezession durch die Arbeitslosenquote zu warten, sondern die Dynamik zwischen führenden und nachlaufenden Indikatoren zu verstehen? Was, wenn die panische Angst der Masse nicht ein Verkaufssignal, sondern die beste Kaufgelegenheit ist, die sich bietet?

Dieser Leitfaden bricht mit der traditionellen, reaktiven Sichtweise. Stattdessen entwickeln wir eine strategische Methodik, um die Marktphasen für den Schweizer Markt zu antizipieren. Wir werden die Psychologie der Extreme als Werkzeug nutzen, die Spreu vom Weizen bei den Wirtschaftsindikatoren trennen und eine disziplinierte Sektor-Rotation als Kernstrategie etablieren. Ziel ist es, Ihnen das Rüstzeug zu geben, um nicht nur auf den Zyklus zu reagieren, sondern ihm einen Schritt vorauszudenken und Ihr Depot entsprechend zu positionieren.

Die folgenden Abschnitte bieten einen tiefen Einblick in die Indikatoren, Strategien und psychologischen Fallstricke, die für taktische Anleger in der Schweiz entscheidend sind. Wir werden untersuchen, wie man einen Bärenmarkt definiert, wie man die Marktstimmung als Kontraindikator nutzt und warum US-Wirtschaftsdaten für Ihr Schweizer ETF-Portfolio von Bedeutung sind.

Inhaltsverzeichnis: Der Strategie-Leitfaden zur Konjunkturanalyse für Ihr Depot

Definitionssache: Ab wann spricht man offiziell von einem Bärenmarkt (-20%)?

Ein Bärenmarkt wird technisch definiert als ein Rückgang eines breiten Marktindex, wie des Swiss Market Index (SMI), um mindestens 20 % von seinem jüngsten Höchststand. Diese Zahl ist mehr als nur eine statistische Marke; sie ist ein psychologischer Wendepunkt, an dem die allgemeine Marktstimmung von Optimismus zu Pessimismus kippt. Das Verständnis dieser Definition ist der erste Schritt, um die Phase des Zyklus korrekt einzuordnen und Panikreaktionen zu vermeiden. Es signalisiert, dass die Phase des einfachen Geldverdienens vorbei ist und eine strategische Neuausrichtung erforderlich wird.

Historisch gesehen sind Bärenmärkte in der Schweiz keine Seltenheit, aber ihre Dauer und Tiefe variieren erheblich. Eine Analyse von 14 Bärenmärkten seit 1928 zeigt, dass diese im Durchschnitt neun Quartale andauerten und durchschnittliche Verluste von über 23 % verursachten, wobei die Einbrüche in der Schweiz oft heftiger ausfielen als in anderen Märkten. Die jüngeren Krisen waren besonders schmerzhaft: Sowohl die Dotcom-Blase als auch die Finanzkrise 2008/09 führten zu Verlusten von über 50 % im SMI.

Die entscheidende Frage für einen Strategen ist jedoch nicht nur die Tiefe des Falls, sondern die Dauer der Erholung. Nach der Finanzkrise 2008, als der SMI rund 50 % verlor, dauerte es beispielsweise bis Juli 2019, also über ein Jahrzehnt, bis die Verluste vollständig aufgeholt waren. Im Gegensatz dazu erholte sich der Markt nach dem Platzen der Dotcom-Blase deutlich schneller und erreichte bereits im September 2006 wieder die alten Höchststände. Diese historischen Daten zeigen, dass ein Bärenmarkt kein kurzfristiges Ereignis ist, sondern eine Phase, die Geduld, eine robuste Strategie und die Fähigkeit erfordert, zwischen temporären Rückschlägen und strukturellen Krisen zu unterscheiden.

Fear & Greed Index: Wie nutzen Sie die Angst der anderen als Kaufsignal?

Während die meisten Anleger bei fallenden Kursen in Panik geraten, sieht der antizyklische Stratege hier eine Chance. Instrumente wie der „Fear & Greed Index“ quantifizieren diese Emotionen und machen sie messbar. Die Kernidee ist einfach: Maximale Angst (extreme „Fear“) signalisiert oft einen Marktboden, da alle potenziellen Verkäufer bereits verkauft haben. Umgekehrt deutet maximale Gier (extreme „Greed“) auf eine überhitzte Marktsituation hin, bei der Vorsicht geboten ist. Für den Schweizer Anleger geht es darum, ein eigenes, auf den lokalen Markt zugeschnittenes „Stimmungs-Dashboard“ zu entwickeln.

Visuelles Dashboard für Marktstimmung in der Schweiz, das die konzentrierte Analyse eines Finanzexperten zeigt

Ein solches Dashboard kombiniert verschiedene „stille Signale“. Der wichtigste Indikator ist der VSMI, der Volatilitätsindex für den SMI. Werte über 20 deuten auf erhöhte Angst hin, während historische Tiefpunkte oft bei Werten über 40 erreicht wurden. Ein weiterer wichtiger Baustein ist das Put/Call-Verhältnis an der Eurex für Schweizer Blue Chips. Ein Verhältnis deutlich über 1 zeigt, dass mehr Anleger auf fallende als auf steigende Kurse wetten – ein klares Zeichen von Pessimismus und oft ein Kontraindikator. Ergänzt werden diese Finanzmarktindikatoren durch breitere Wirtschaftsdaten wie das KOF Konjunkturbarometer, das die allgemeine Stimmung in der Wirtschaft misst.

Die wahre Meisterschaft liegt darin, diese Indikatoren nicht isoliert zu betrachten, sondern ihre Dynamik zu interpretieren. Ein stark steigender VSMI bei gleichzeitigem Anstieg des Put/Call-Verhältnisses und negativen Schlagzeilen in den Finanzmedien (z.B. eine Häufung von „Krise“ oder „Crash“ in der NZZ) kann ein starkes Kaufsignal für den disziplinierten, antizyklischen Investor sein. Man kauft nicht, weil die Nachrichten gut sind, sondern weil die Angst unlogische Tiefstpreise für Qualitätsanlagen geschaffen hat. Es ist der systematische Kauf in die Schwäche hinein, der langfristig überdurchschnittliche Renditen ermöglicht.

Zykliker vs. Defensive: Welche Aktien kaufen Sie im Aufschwung, welche im Abschwung?

Die Sektor-Rotation ist das Kernstück der taktischen Anpassung an den Wirtschaftszyklus. Die Logik dahinter ist, dass verschiedene Wirtschaftssektoren in unterschiedlichen Phasen des Zyklus über- oder unterdurchschnittlich abschneiden. Anstatt das gesamte Depot passiv zu halten, verschiebt der Stratege sein Kapital aktiv in die Sektoren, die von der aktuellen oder bevorstehenden Konjunkturphase am meisten profitieren. Dies erfordert Disziplin und ein klares Verständnis der Eigenschaften der einzelnen Sektoren.

Grundsätzlich unterscheidet man zwischen zwei Hauptkategorien: zyklische und defensive Aktien. Zykliker, wie Industrieunternehmen (z.B. ABB), Luxusgüterhersteller (Richemont, Swatch) und Technologiefirmen (Logitech), sind stark von der allgemeinen Wirtschaftslage abhängig. In einem Aufschwung profitieren sie überproportional von steigenden Investitionen und Konsumausgaben. Defensive Aktien hingegen stammen aus Sektoren, deren Produkte und Dienstleistungen auch in einer Rezession benötigt werden. Dazu gehören Pharma (Roche, Novartis), Nahrungsmittel (Nestlé) und Telekommunikation (Swisscom). Sie bieten Stabilität, wenn die Wirtschaft schwächelt.

Die Kunst besteht darin, die Übergänge zwischen den Phasen zu antizipieren. Die folgende Matrix, angepasst für den Schweizer Markt, dient als strategischer Kompass. Eine detaillierte Analyse von „The Market“ zur Sektor-Rotation liefert die Grundlage für diese strategische Einteilung:

Schweizer Sektor-Rotation-Matrix
Zyklusphase Bevorzugte Sektoren Konkrete Schweizer Unternehmen Performance-Erwartung
Erholung Zykliker, Technologie ABB, Logitech, Swatch Überdurchschnittlich
Aufschwung Industrie, Luxus Richemont, Holcim, SGS Stark steigend
Überhitzung Rohstoffe, Energie Glencore (wenn gelistet) Letzte Rallye
Abschwung Defensive, Pharma Nestlé, Roche, Novartis Stabil

Für Schweizer Anleger ist diese Unterscheidung besonders relevant. Gemäss aktuellen Daten macht allein der Gesundheitssektor rund 44 % des SMI aus. Diese hohe Gewichtung defensiver Schwergewichte verleiht dem Index eine natürliche Stabilität in Krisenzeiten, bedeutet aber auch, dass man in Aufschwungphasen ohne eine bewusste Umschichtung in zyklische Werte eine erhebliche Underperformance riskieren kann. Die Sektor-Rotation ist also kein optionales Manöver, sondern eine Notwendigkeit für eine optimierte Performance über den gesamten Zyklus.

Leading vs. Lagging: Warum ist die Arbeitslosenquote ein schlechter Indikator für den Börseneinstieg?

Einer der grössten Fehler, den Anleger beim Timing des Marktes machen, ist die Konzentration auf nachlaufende Indikatoren (Lagging Indicators). Die Arbeitslosenquote ist hierfür das klassische Beispiel. Wenn die Medien berichten, dass die Arbeitslosigkeit ihren Höhepunkt erreicht hat, ist der wirtschaftliche Tiefpunkt oft schon mehrere Monate vorbei, und die Börsen haben bereits einen erheblichen Teil der Erholung vorweggenommen. Der Stratege blickt daher nicht in den Rückspiegel, sondern durch die Windschutzscheibe – auf die führenden Indikatoren (Leading Indicators).

Führende Indikatoren sind Datenpunkte, die sich ändern, bevor sich die Gesamtwirtschaft ändert. Sie geben frühe Hinweise auf die Richtung der zukünftigen Konjunktur. Für die Schweiz sind hier vor allem zwei Indikatoren von zentraler Bedeutung: das KOF Konjunkturbarometer und der procure.ch Purchasing Managers‘ Index (PMI). Das KOF Barometer ist ein zusammengesetzter Index, der die erwartete Entwicklung der Schweizer Wirtschaft für die nächsten drei bis sechs Monate prognostiziert. Ein Wert über 100 signalisiert eine erwartete Expansion. Der PMI misst die Aktivität der Einkaufsmanager in der Industrie; ein Wert über 50 deutet auf Wachstum hin.

Symbolische Darstellung führender Wirtschaftsindikatoren als vorausfahrendes Auto auf einer Schweizer Passstrasse

Fallstudie: Das KOF Konjunkturbarometer als Frühindikator

Das von der ETH Zürich seit den 1970er Jahren publizierte KOF Konjunkturbarometer gilt als wichtigster vorlaufender Sammelindikator für die Schweizer Wirtschaft. Seine Prognosekraft ist historisch belegt. Ein typisches Beispiel ist der Anstieg des Barometers, der oft eine wirtschaftliche Erholung um drei bis sechs Monate vorwegnimmt. So signalisierte beispielsweise der Anstieg des Indikators auf 103,4 Punkte im Dezember 2024 eine bevorstehende Verbesserung der Wirtschaftsaussichten, lange bevor dies in den offiziellen BIP-Zahlen oder Arbeitsmarktdaten bestätigt wurde. Für einen taktischen Anleger ist dies ein klares Signal, die Positionierung von defensiven zu zyklischen Werten zu überdenken. Die Nutzung dieses Indikators, der auf der offiziellen Seite der KOF ETH Zürich monatlich veröffentlicht wird, ist ein zentraler Baustein für antizipatorisches Handeln.

Die Arbeitslosenquote hingegen ist ein klassischer nachlaufender Indikator. Unternehmen entlassen Mitarbeiter erst, wenn sie bereits erhebliche Umsatzeinbussen erlitten haben, und stellen erst wieder ein, wenn sie sich eines nachhaltigen Aufschwungs sicher sind. Die Quote erreicht ihren Höhepunkt also typischerweise sechs bis neun Monate nach dem tatsächlichen wirtschaftlichen Tiefpunkt. Wer auf dieses Signal für den Börseneinstieg wartet, hat den besten Teil der Rallye bereits verpasst. Die Indikatoren-Dynamik ist klar: Führende Indikatoren wie KOF und PMI geben das Kaufsignal, nachlaufende Indikatoren wie die Arbeitslosenquote geben das (verspätete) Signal zur Bestätigung.

Die Bärenmarktrallye: Wie erkennen Sie, ob der Anstieg echt ist oder eine Falle?

Inmitten eines Bärenmarktes kommt es fast immer zu Phasen starker Kursanstiege. Diese werden als Bärenmarktrallyes oder „Suckers‘ Rallies“ bezeichnet und sind eine der gefährlichsten Fallen für unvorbereitete Anleger. Sie erwecken den Anschein, der Tiefpunkt sei durchschritten und ein neuer Bullenmarkt habe begonnen. Viele Anleger steigen aus Angst, etwas zu verpassen (FOMO), wieder ein, nur um kurz darauf von neuen Tiefstständen überrascht zu werden. Historisch gesehen sind diese Fallen zahlreich und verführerisch; eine Analyse von Prospera Invest fand 39 Bärenmarktrallyes in den letzten neun grossen Bärenmärkten, die im Schnitt 35 Handelstage dauerten und einen Anstieg von 17,1 % verzeichneten.

Die Unterscheidung zwischen einer solchen Falle und dem Beginn einer echten, nachhaltigen Erholung ist eine der anspruchsvollsten Aufgaben für einen Zyklus-Strategen. Es gibt jedoch eine Reihe von qualitativen und quantitativen Merkmalen, die dabei helfen, eine Bärenmarktrallye zu identifizieren. Ein Hauptmerkmal ist oft ein schwaches Handelsvolumen. Steigen die Kurse bei gleichzeitig niedrigem oder abnehmendem Volumen, zeigt dies, dass die breite Masse der institutionellen Anleger nicht von der Nachhaltigkeit des Anstiegs überzeugt ist. Es sind oft Kleinanleger und kurzfristige Spekulanten, die die Kurse treiben.

Ein weiteres wichtiges Kriterium ist die Marktbreite. Wird die Rallye nur von einigen wenigen SMI-Schwergewichten getragen, während die Mehrheit der Aktien stagniert oder weiter fällt, ist dies ein klares Warnsignal. Eine gesunde Erholung wird von einer breiten Beteiligung über viele Sektoren hinweg getragen. Die folgende Checkliste fasst die wichtigsten Punkte zusammen, um eine falsche Rallye zu entlarven und nicht in die Falle zu tappen.

Checkliste: So identifizieren Sie eine Bärenmarktrallye

  1. Handelsvolumen prüfen: Beobachten Sie das tägliche Handelsvolumen im SMI. Ein starker Kursanstieg bei unterdurchschnittlichem Volumen ist ein klassisches Warnsignal für eine nicht nachhaltige Bewegung.
  2. Marktbreite analysieren: Prüfen Sie, wie viele Aktien des SPI an der Rallye teilnehmen. Wenn nur eine Handvoll Blue Chips (z.B. Nestlé, Roche, Novartis) den Index nach oben ziehen, während Mid- und Small-Caps zurückbleiben, ist die Basis der Erholung zu schmal.
  3. Reaktion auf Nachrichten beobachten: Achten Sie darauf, wie der Markt auf schlechte Wirtschafts- oder Unternehmensnachrichten reagiert. Ignoriert der Markt konsequent negative Daten, befindet er sich oft in einer Phase irrationaler, kurzfristiger Euphorie.
  4. Volatilität (VSMI) messen: Kontrollieren Sie die Entwicklung des VSMI. Fällt der Volatilitätsindex trotz steigender Kurse nicht signifikant unter die Marke von 20, deutet dies auf eine weiterhin hohe Unsicherheit unter den Profis hin. Eine echte Erholung geht mit sinkender Volatilität einher.
  5. Performance spekulativer Titel prüfen: Analysieren Sie die Performance von hochspekulativen Titeln oder „Meme-Aktien“. Ein überproportional starker Anstieg in diesem Segment ist oft ein Zeichen für eine spekulative Blase innerhalb des Bärenmarktes, nicht für eine fundamentale Erholung.

Die Disziplin, während einer verlockenden Bärenmarktrallye an der Seitenlinie zu bleiben oder sogar defensive Positionen zu halten, trennt den strategischen Investor vom reaktiven Spieler. Es ist besser, die ersten 10-15 % einer echten Erholung zu verpassen, aber dafür die Bestätigung zu haben, als in eine Falle zu tappen und weitere 20-30 % zu verlieren.

Wann ist der schlechteste Zeitpunkt, um mit der Entnahme aus dem Depot zu beginnen?

Für Anleger in der Akkumulationsphase ist ein Bärenmarkt eine Chance. Für Personen, die am Beginn ihres Ruhestands stehen und auf ihr Depot für den Lebensunterhalt angewiesen sind, ist er jedoch die grösste Gefahr. Der absolut schlechteste Zeitpunkt, um mit der regelmässigen Entnahme von Kapital zu beginnen, ist direkt zu Beginn eines Bärenmarktes oder kurz davor. Dieses Problem ist als „Sequence of Returns Risk“ (Risiko der Rendite-Reihenfolge) bekannt und kann selbst einen gut geplanten Ruhestand ruinieren.

Das Problem ist mathematischer Natur: Wenn Sie in den ersten Jahren Ihres Ruhestands gezwungen sind, Aktien zu stark gefallenen Preisen zu verkaufen, um Ihre Lebenshaltungskosten zu decken, dezimieren Sie Ihr Kapital so stark, dass es sich selbst in einem folgenden Bullenmarkt nicht mehr erholen kann. Die Anzahl der verkauften Anteile ist bei niedrigen Kursen viel höher, was die Kapitalbasis unwiederbringlich schmälert.

Fallstudie: Das „Sequence of Returns Risk“ für Schweizer Rentner

Stellen Sie sich zwei Rentner vor, beide mit einem Depot von CHF 1’000’000 und einer geplanten jährlichen Entnahme von 4% (CHF 40’000). Rentner A geht im Jahr 2000 in Rente, direkt vor dem Platzen der Dotcom-Blase, die zu einem SMI-Verlust von über 50% führte. Seine jährlichen Verkäufe finden zu Tiefstpreisen statt. Sein Depot hätte sich von diesem Aderlass nie erholt und wäre weit vor seinem Lebensende aufgebraucht gewesen. Rentner B geht mit demselben Kapital und derselben Strategie im Jahr 2009 in Rente, nach dem Tiefpunkt der Finanzkrise. Seine Entnahmen fallen in einen beginnenden, zehnjährigen Bullenmarkt. Sein Kapital wächst trotz der Entnahmen weiter. Diese Fallstudie von cash.ch zu historischen Börsencrashs zeigt drastisch: Der Startzeitpunkt kann den Unterschied zwischen finanziellem Ruin und einem sorgenfreien Ruhestand ausmachen.

Um dieses Risiko zu mitigieren, ist eine Puffer-Strategie unerlässlich, die speziell auf das Schweizer Vorsorgesystem zugeschnitten ist. Anstatt sich nur auf das Wertschriftendepot zu verlassen, nutzt der kluge Ruheständler die verschiedenen Säulen, um Marktschwankungen abzufedern.

Die 3-Säulen-Puffer-Strategie im Bärenmarkt
Säule Funktion im Bärenmarkt Strategie Vorteil
1. Säule (AHV) Grundsicherung Konstante monatliche Zahlung Unabhängig von Börse
2. Säule (Pensionskasse) Haupteinkommen Rente statt Kapitalbezug erwägen Lebenslange Sicherheit
3. Säule/Depot Zusatzeinkommen Entnahme verschieben bei Crash Zeit für Erholung
Cash-Reserve Notfall-Puffer 2-3 Jahre Ausgaben Keine Zwangsverkäufe

Die wichtigste Massnahme ist, eine Cash-Reserve in Höhe von zwei bis drei Jahresausgaben aufzubauen, bevor man in den Ruhestand tritt. Im Falle eines Bärenmarktes werden die Lebenshaltungskosten aus diesem Puffer gedeckt, und die Entnahmen aus dem Depot werden ausgesetzt. Dies gibt dem Portfolio die entscheidende Zeit, sich zu erholen, ohne dass Kapital zu Tiefstpreisen liquidiert werden muss.

Warum sind US-Arbeitsmarktdaten für Ihren Schweizer ETF relevant?

Auf den ersten Blick mag es widersprüchlich erscheinen, dass die Anzahl der neugeschaffenen Stellen in den USA einen direkten Einfluss auf ein Portfolio haben soll, das hauptsächlich aus Schweizer Aktien oder ETFs besteht. Doch in einer globalisierten Welt ist keine Volkswirtschaft eine Insel. Für die stark exportorientierte Schweiz ist die Gesundheit der US-Wirtschaft ein entscheidender externer Faktor. US-Arbeitsmarktdaten, insbesondere die „Non-Farm Payrolls“, sind einer der besten Echtzeit-Indikatoren für die Stärke des US-Konsums.

Der Transmissionsmechanismus ist direkt: Starke US-Arbeitsmarktdaten bedeuten mehr Einkommen und höheres Verbrauchervertrauen in den USA. Dies führt zu einer erhöhten Nachfrage nach Importgütern, von denen viele aus der Schweiz stammen. Konkret profitieren davon Sektoren wie Luxusgüter (Uhren von Swatch und Richemont), Pharma (Medikamente von Roche und Novartis) und Industrieprodukte (Automatisierungslösungen von ABB). Die US-Wirtschaft beeinflusst direkt etwa 15% der Schweizer Exporte und indirekt über globale Lieferketten schätzungsweise weitere 20-30%. Ein starker US-Arbeitsmarkt ist also eine gute Nachricht für die Gewinne vieler SMI-Unternehmen.

Darüber hinaus gibt es einen wichtigen geldpolitischen Zusammenhang. Die Zinsentscheidungen der US-Notenbank (Fed) haben einen massiven Einfluss auf die globalen Finanzmärkte und die Politik anderer Zentralbanken, einschliesslich der Schweizerischen Nationalbank (SNB). Starke Arbeitsmarktdaten geben der Fed den Spielraum, die Zinsen zur Inflationsbekämpfung zu erhöhen. Dies wiederum beeinflusst die Strategie der SNB, wie ein Experte treffend zusammenfasst:

Eine starke US-Wirtschaft und eine restriktive US-Notenbank geben der SNB mehr Spielraum, ebenfalls die Zinsen zu erhöhen, ohne den Franken übermässig aufzuwerten.

– The Market Analyse, Investieren über den Konjunkturzyklus

Für einen Schweizer Anleger bedeutet das: Starke US-Daten können ein Frühindikator für eine restriktivere Geldpolitik auch in der Schweiz sein, was tendenziell das wirtschaftliche Umfeld abkühlt. Schwache US-Daten hingegen können auf eine lockerere Geldpolitik und damit auf ein günstigeres Umfeld für Aktien hindeuten. Das Beobachten dieser Daten ist somit kein Luxus, sondern ein wesentlicher Bestandteil der globalen Konjunkturanalyse.

Das Wichtigste in Kürze

  • Antizipieren statt reagieren: Der strategische Vorteil liegt im Deuten von Frühindikatoren (KOF, PMI) und nicht im Reagieren auf nachlaufende Daten (Arbeitslosenquote).
  • Psychologie als Werkzeug: Extreme Angst am Markt (hoher VSMI) ist oft das beste Kaufsignal, während Gier zur Vorsicht mahnt. Nutzen Sie die Emotionen der anderen diszipliniert.
  • Disziplinierte Rotation: Eine bewusste Umschichtung zwischen defensiven (Nestlé, Roche) und zyklischen Sektoren (ABB, Richemont) ist der Schlüssel zur Performance über den gesamten Wirtschaftszyklus.

Wie nutzen Sie Marktkorrekturen gezielt für Nachkäufe, ohne ins fallende Messer zu greifen?

Der Versuch, den exakten Tiefpunkt einer Marktkorrektur zu treffen, ist reine Spekulation und zum Scheitern verurteilt. Ein strategischer Investor versucht dies auch gar nicht. Stattdessen nutzt er Korrekturen, um Qualitätsaktien zu günstigeren Preisen zu erwerben, indem er eine disziplinierte Tranchen-Strategie anwendet. Anstatt das gesamte verfügbare Kapital auf einmal zu investieren („ins fallende Messer greifen“), wird es in mehrere Teile (Tranchen) aufgeteilt und bei vordefinierten Korrekturniveaus investiert.

Ein bewährtes Modell für den SMI könnte wie folgt aussehen: Die erste Tranche (z.B. 25 % des Budgets) wird bei einer Korrektur von -10 % vom letzten Höchststand investiert. Die zweite, grössere Tranche (z.B. 35 %) wird bei -20 % eingesetzt, was der offiziellen Definition eines Bärenmarktes entspricht. Die restlichen 40 % werden bei einem noch tieferen Einbruch von -30 % oder bei extremen Paniksignalen (z.B. einem RSI-Indikator unter 30) investiert. Diese Methode zwingt zur Disziplin, verhindert emotionales Handeln und stellt sicher, dass man den durchschnittlichen Einkaufspreis senkt (Cost-Average-Effekt).

Makroaufnahme von Wassertropfen, die auf eine Steinoberfläche fallen und Wellen erzeugen, als Metapher für gestaffelte Nachkäufe

Die psychologische Komponente dieser Strategie ist ebenso wichtig wie die mathematische. Sie gibt dem Anleger einen klaren Handlungsplan in einer chaotischen Marktphase. Anstatt von der Panik gelähmt zu sein, wird man zum aktiven Jäger von Gelegenheiten. Dieses Vorgehen wird durch die langfristige Performance des Schweizer Aktienmarktes gestützt. Eine historische Analyse von Everon AG zeigt, dass Anleger seit 1969 in 40 von 53 Jahren positive SMI-Renditen erzielt haben. Diese Statistik ist eine starke Erinnerung daran, dass Korrekturen und Bärenmärkte langfristig betrachtet stets temporäre Ereignisse waren und die besten Einstiegschancen boten.

Bei der Auswahl der Nachkäufe sollte man ebenfalls gestaffelt vorgehen. Bei den ersten Korrekturniveaus liegt der Fokus auf den defensiven SMI-Schwergewichten wie Nestlé und Roche, die eine höhere Widerstandsfähigkeit aufweisen. Erst in tieferen Korrekturphasen, wenn die Bewertungen allgemein sehr attraktiv geworden sind, werden zyklischere Werte wie Swatch oder ABB dem Portfolio beigemischt. Dies reduziert das Risiko, zu früh auf eine schnelle Erholung zu setzen.

Eine durchdachte Strategie für Nachkäufe verwandelt die Angst vor einem Crash in eine kalkulierte Chance. Um dies erfolgreich umzusetzen, ist es wichtig, die Prinzipien des gestaffelten Investierens zu verinnerlichen.

Beginnen Sie noch heute damit, diese disziplinierte Methodik anzuwenden, um Ihr Portfolio nicht nur zu verwalten, sondern strategisch durch die Zyklen zu steuern. Die Analyse von Frühindikatoren und eine konsequente Sektor-Rotation sind die Werkzeuge, die Ihnen einen entscheidenden Vorteil verschaffen.

Geschrieben von Thomas Keller, CFA-Chartholder und Senior Portfolio Manager mit 12 Jahren Erfahrung im Asset Management bei Schweizer Grossbanken. Spezialisiert auf Aktienstrategien, ETFs und Core-Satellite-Portfolios.