Veröffentlicht am März 12, 2024

Erfolgreiche Nachkäufe in Krisen basieren nicht auf Mut, sondern auf einem disziplinierten, datengestützten System, um Kaufgelegenheiten von Wertfallen zu trennen.

  • Temporäre Korrekturen (-10%) sind statistisch häufig und bieten Einstiegschancen, während echte Crashs (> -30%) fundamentale Probleme signalisieren.
  • Schweizer Indikatoren wie der VSMI (Angstbarometer) und die Marktbreite des SMI helfen, die Qualität eines Rücksetzers objektiv zu bewerten.

Empfehlung: Definieren Sie vorab gestaffelte Kauflimiten (Tranchen) auf Basis technischer Niveaus und Volatilitätsindikatoren, um emotionales Handeln auszuschliessen und systematisch von Panikphasen zu profitieren.

Die Märkte leuchten rot, die Schlagzeilen überschlagen sich und das eigene Portfolio verliert an Wert. In solchen Momenten ist die erste Reaktion vieler Anleger entweder Panik oder eine gelähmte Untätigkeit. Gleichzeitig flüstert eine innere Stimme, genährt von Börsenweisheiten wie „Sei gierig, wenn andere ängstlich sind“, man müsse jetzt zugreifen. Die Strategie des „Buy the Dip“ ist verlockend, doch sie birgt eine fundamentale Gefahr: die Verwechslung einer gesunden, temporären Korrektur mit dem Beginn eines verheerenden Crashs. Wer hier blind zugreift, kauft nicht günstig, sondern fängt nur ein fallendes Messer.

Doch wie unterscheidet man eine kurzfristige Delle von einem fundamentalen Bruch? Der Schlüssel liegt nicht in hellseherischen Fähigkeiten oder unerschütterlichem Mut, sondern in einem kühlen, kalkulierten und vor allem systematischen Vorgehen. Anstatt auf das Bauchgefühl zu hören, verlässt sich der erfahrene Investor auf ein vordefiniertes Regelwerk, das speziell auf die Eigenheiten des Schweizer Marktes zugeschnitten ist. Es geht darum, die Emotionen aus der Gleichung zu nehmen und durch klare Indikatoren, eine disziplinierte Tranchen-Planung und automatisierte Kaufaufträge zu ersetzen. Es ist die Kunst, die Angst der anderen nicht nur auszuhalten, sondern sie als messbares Signal für den eigenen, antizyklischen Erfolg zu nutzen.

Dieser Artikel führt Sie durch genau dieses System. Wir werden die Psychologie hinter Bärenmärkten entschlüsseln, Ihnen zeigen, wie Sie konkrete Indikatoren für den Schweizer Markt nutzen und eine robuste Strategie entwickeln, um Marktschwäche nicht als Bedrohung, sondern als kalkulierbare Chance zu begreifen. So verwandeln Sie Volatilität von einem Risiko in einen Renditetreiber.

Inhaltsverzeichnis: Systematisch durch die Marktkorrektur navigieren

Warum werden die besten Renditen im Bärenmarkt gemacht und nicht im Boom?

Die landläufige Meinung ist, dass Vermögen in boomenden Märkten geschaffen wird, wenn die Kurse von einem Hoch zum nächsten eilen. Die Realität ist jedoch kontraintuitiv: Das Fundament für ausserordentliche, langfristige Renditen wird im Pessimismus eines Bärenmarktes gelegt. In Phasen des Booms sind die Bewertungen hoch, die Erwartungen euphorisch und das Kurspotenzial bereits zu grossen Teilen ausgeschöpft. Im Gegensatz dazu sind die Preise während einer Korrektur oder eines Crashs von Angst und Kapitulation geprägt, was dazu führt, dass hochwertige Unternehmen weit unter ihrem inneren Wert gehandelt werden.

Wer in diesen Phasen kauft, erwirbt Qualitätsaktien mit einem erheblichen Preisabschlag. Dies schafft eine asymmetrische Chance: Das Abwärtspotenzial ist oft begrenzter, während das Aufwärtspotenzial im Zuge der unvermeidlichen wirtschaftlichen Erholung massiv ist. Historische Daten für den Schweizer Markt untermauern dies. So zeigt eine Analyse, dass Anleger, die Ende 2008 auf dem Höhepunkt der Finanzkrise in den SMI investierten, in den Folgejahren eine durchschnittliche Jahresrendite von 6,7% erzielen konnten. Dies mag auf den ersten Blick nicht spektakulär klingen, doch es beinhaltet die massive Erholung nach der Krise, die frühe Investoren überproportional belohnte.

Besonders defensive Schweizer Qualitätsaktien spielen in diesem Szenario eine Schlüsselrolle. Eine Analyse historischer SMI-Daten zeigt, dass Anleger seit 1969 in 40 von 53 Jahren eine positive Rendite erzielt hätten. Titel wie Nestlé, Roche und Novartis erholen sich nach Krisen tendenziell schneller. Ihre nicht-zyklischen Geschäftsmodelle, die stabile Nachfrage nach ihren Produkten (Nahrungsmittel, Pharmazeutika) und ihre verlässlichen Dividenden wirken in unsicheren Zeiten wie ein Puffer und ziehen als erste wieder Kapital an, wenn sich die Stimmung aufhellt.

Der Kauf im Bärenmarkt ist also kein Akt des blinden Mutes, sondern eine rationale Entscheidung, die auf der Erkenntnis beruht, dass der Preis, den man zahlt, einer der wichtigsten Faktoren für die zukünftige Rendite ist. Die grösste Angst im Markt schafft die grössten Rabatte.

Wie setzen Sie Abstauber-Limiten, um Aktien automatisch zum Wunschpreis zu kaufen?

Der entscheidende Schritt, um von Marktschwäche zu profitieren, ist die Überwindung der eigenen Emotionen im Moment der Entscheidung. Wenn Panik herrscht, zögert selbst der rationalste Anleger. Die Lösung ist die Automatisierung des Kaufprozesses durch sogenannte „Abstauber-Limiten“. Dabei handelt es sich um normale Limit-Kauf-Orders, die weit unter dem aktuellen Kurs platziert und mit langer Gültigkeit (z. B. „Good-Til-Canceled“ oder GTC) versehen werden. Sie warten geduldig im System Ihres Brokers, bis der Markt in einer scharfen, oft nur kurzlebigen Korrektur auf das von Ihnen definierte Wunschniveau fällt und führen den Kauf automatisch und emotionslos aus.

Diese Strategie des systematischen Abstaubens verwandelt Panikverkäufe anderer Marktteilnehmer in Ihre persönliche Kaufgelegenheit. Anstatt den Markt täglich beobachten zu müssen, definieren Sie im Voraus, zu welchem Preis ein Unternehmen für Sie attraktiv ist. Ein gängiger Ansatz für die Platzierung solcher Limiten ist die Orientierung an wichtigen technischen Unterstützungsniveaus. Dazu gehören langfristige Durchschnittslinien wie der 200-Tage-Durchschnitt, markante Tiefpunkte vergangener Krisen (z. B. das Corona-Tief im März 2020) oder langfristige Unterstützungszonen, die sich über Jahre gebildet haben.

Strategische Limit-Order-Platzierung bei Schweizer Brokern

Wie das Schaubild andeutet, geht es darum, im Voraus definierte Preisniveaus festzulegen, an denen Sie bereit sind zu kaufen. Ein praktischer Ansatz bei Schweizer Brokern wie Swissquote oder PostFinance besteht darin, eine gestaffelte Strategie zu fahren: Eine erste Limite wird am 200-Tage-Durchschnitt platziert, eine zweite, tiefere Limite am letzten markanten Tiefpunkt. Eine dritte, noch tiefere Limite kann an einer wichtigen Unterstützungszone aus der Zeit vor der letzten grossen Hausse (z.B. vor 2019) gesetzt werden. Das Kapital wird dabei auf diese drei Limiten aufgeteilt, um den Durchschnittskosteneffekt optimal zu nutzen.

Durch diesen systematischen Ansatz entkoppeln Sie Ihre Investitionsentscheidung vollständig von der akuten Marktstimmung und stellen sicher, dass Sie nur zu Preisen kaufen, die Sie im Vorfeld als rational und attraktiv bewertet haben.

Korrektur oder Crash: Woran erkennen Sie den Unterschied zwischen -10% und -50%?

Die wichtigste Fähigkeit für den antizyklischen Investor ist die Unterscheidung zwischen einer harmlosen Korrektur und einem echten Crash. Eine Korrektur, typischerweise ein Rückgang von 10-15%, ist eine gesunde Atempause in einem übergeordneten Aufwärtstrend. Ein Crash hingegen ist ein Rückgang von 30%, 40% oder sogar über 50%, der durch einen fundamentalen Bruch im wirtschaftlichen oder finanziellen System ausgelöst wird. Während eine Korrektur eine klare Kaufgelegenheit darstellt, kann der zu frühe Einstieg in einen Crash verheerend sein. Die historische Hoch-Tief-Statistik des SMI zeigt diesen Unterschied deutlich: Während normale Korrekturen wie 2018 bei etwa -15% endeten, verlor der SMI während der Finanzkrise 2008 über 50%.

Um die Lage richtig einzuschätzen, reicht der Blick auf den prozentualen Rückgang allein nicht aus. Es braucht eine Triangulation mehrerer Indikatoren, um die Qualität des Abschwungs zu beurteilen. Ein entscheidendes Merkmal ist die Marktbreite. Fallen nur die drei SMI-Schwergewichte Nestlé, Novartis und Roche und ziehen den Index nach unten, während die restlichen 17 Titel stabil bleiben? Das spräche für eine sektor-spezifische Schwäche. Fallen jedoch alle 20 SMI-Titel breiter Front, deutet dies auf ein systemisches Problem hin. Ein weiteres Signal kommt vom Kreditmarkt: Steigen die Risikoaufschläge für Schweizer Unternehmensanleihen stark an, preist der professionelle Markt eine höhere Ausfallwahrscheinlichkeit ein – ein klares Warnsignal für die Aktienmärkte.

Zusätzlich sind makroökonomische Indikatoren und die Rhetorik der Notenbanken entscheidend. Fällt beispielsweise das KOF Konjunkturbarometer, der wichtigste Frühindikator für die Schweizer Wirtschaft, deutlich unter die Wachstumsschwelle von 100 Punkten (z.B. unter 90), signalisiert dies eine bevorstehende Rezession. Auch die Sprache der Schweizerischen Nationalbank (SNB) ist ein wichtiger Indikator. Spricht die SNB nur von „erhöhten Risiken“ oder bereits von konkreten Interventionen und Liquiditätshilfen? Letzteres ist ein klares Zeichen für einen fundamentalen Bruch. Hohe, panikartige Verkaufsvolumen an der Börse bestätigen oft die Kapitulationsphase, die das Ende eines Crashs einläuten kann.

Ihr Plan zur Lagebeurteilung: Die Schweizer Crash-Checkliste

  1. Marktbreite analysieren: Überprüfen Sie, ob nur SMI-Schwergewichte oder der gesamte Markt (alle 20 Titel) fällt.
  2. Kreditmarkt beobachten: Kontrollieren Sie die Risikoaufschläge für Schweizer Unternehmensanleihen. Steigen diese signifikant?
  3. Konjunkturdaten prüfen: Checken Sie den Stand des KOF Konjunkturbarometers. Liegt der Wert nachhaltig unter 90?
  4. Notenbank-Rhetorik bewerten: Analysieren Sie die offiziellen Mitteilungen der SNB auf Hinweise zu Interventionen.
  5. Handelsvolumen interpretieren: Achten Sie auf aussergewöhnlich hohe Verkaufsvolumen, die eine Kapitulation signalisieren.

Nur wer diese verschiedenen Puzzleteile zusammensetzt, kann eine fundierte Entscheidung treffen, ob es sich um eine kaufenswerte Delle oder den Beginn eines tiefen Abgrunds handelt.

Das Risiko des zu frühen Einstiegs: Warum „Buy the Dip“ auch schiefgehen kann

Der populäre Ratschlag „Buy the Dip“ ignoriert eine entscheidende Gefahr: die sogenannte „Value Trap“ (Wertfalle). Eine Aktie, die stark gefallen ist, erscheint optisch billig. Doch ihr Kursverfall kann auf fundamentalen, unlösbaren Problemen im Unternehmen beruhen. Wer hier nachkauft, investiert nicht in eine Erholung, sondern in einen fortschreitenden Niedergang. Das prominenteste Schweizer Beispiel der jüngeren Vergangenheit ist die Credit Suisse. Anleger, die nach jedem Kursrückgang unter der Annahme nachkauften, die Bank sei „zu gross, um zu scheitern“, erlitten am Ende einen Totalverlust. Der Austritt der Credit Suisse aus dem SMI am 13. Juni 2023 nach der Übernahme durch die UBS war die schmerzhafte Lektion, dass ein tiefer Preis allein kein Kaufsignal ist.

Dieses Verhalten wird oft durch einen psychologischen Denkfehler verstärkt, den sogenannten Anker-Effekt. Wie der bekannte Finanzexperte Robert Halver treffend formuliert:

Der Anker-Effekt verleitet Anleger dazu zu glauben, eine Aktie sei günstig, nur weil sie von 100 CHF auf 50 CHF gefallen ist.

– Robert Halver, Baader Bank Chefvolkswirt

Der ursprüngliche Höchstkurs von 100 CHF dient als mentaler Anker und lässt den aktuellen Preis von 50 CHF als Schnäppchen erscheinen, unabhängig davon, ob sich die fundamentalen Aussichten des Unternehmens dramatisch verschlechtert haben und der faire Wert vielleicht nur noch bei 20 CHF liegt. Man kauft also nicht günstig, sondern nur billiger als zuvor.

Um nicht in diese Falle zu tappen, ist eine kritische Unterscheidung unerlässlich: Handelt es sich um ein marktweites, zyklisches Problem, das auch gesunde Unternehmen temporär nach unten zieht? Oder handelt es sich um ein unternehmensspezifisches, existenzielles Risiko? Bei einem marktweiten Ausverkauf fallen auch die Aktien von Qualitätsunternehmen mit intakten Geschäftsmodellen – hier liegen die wahren Chancen. Wenn jedoch eine Aktie gegen einen steigenden Gesamtmarkt fällt oder deutlich stärker verliert als ihre Konkurrenten, ist höchste Vorsicht geboten. Die Gründe dafür sind oft in der Bilanz, im Management oder im Geschäftsmodell selbst zu finden und nicht in der allgemeinen Marktstimmung.

Ein tiefer Preis muss immer durch eine intakte fundamentale Story und ein robustes Geschäftsmodell gerechtfertigt sein. Ohne diese Prüfung wird aus dem vermeintlichen Schnäppchen schnell ein Grab für Ihr Kapital.

Staffelung der Tranchen: Wie teilen Sie Ihr Pulver auf, wenn die Kurse fallen?

Selbst wenn Sie eine Korrektur korrekt als Kaufgelegenheit identifiziert haben, bleibt eine entscheidende Frage: Wann ist der exakte Tiefpunkt erreicht? Die ehrliche Antwort ist: Niemand weiss es. Der Versuch, den exakten Boden zu treffen („Bottom-Fishing“), ist reine Spekulation und führt oft zu Frustration. Eine weitaus robustere und stressfreiere Methode ist die Staffelung der Investitionen in mehreren Tranchen. Anstatt das gesamte verfügbare Kapital auf einmal zu investieren, teilen Sie es auf und kaufen schrittweise nach, während die Kurse fallen. Diese Vorgehensweise hat zwei entscheidende Vorteile: Sie senken Ihren durchschnittlichen Einstandspreis und behalten psychologische und finanzielle Flexibilität.

Ein bewährtes Modell für den Schweizer Markt, das auf der Unterscheidung zwischen Korrektur und Crash basiert, ist eine 3-Phasen-Strategie. Sie stellt sicher, dass Sie „Ihr Pulver trocken halten“ und auch in tiefen Krisen noch handlungsfähig sind. Das folgende 3-Phasen-Modell zeigt eine mögliche Aufteilung des für Nachkäufe vorgesehenen Kapitals:

3-Phasen-Modell für die Schweiz
Phase Marktlage Kapitalanteil Investitionsziele
Phase 1 Korrektur (-10% bis -15%) 20% des Kapitals SMI-ETF
Phase 2 Bärenmarkt (-20% bis -25%) 30% des Kapitals Defensive Blue Chips (Nestlé, Roche)
Phase 3 Panik/Kapitulation (>-30%) 50% des Kapitals Qualitäts-Zykliker (ABB, Sika) und Small/Mid Caps

Dieses Vorgehen lässt sich durch gestaffelte Buy-Limit-Orders, wie zuvor beschrieben, vollständig automatisieren. Wichtig ist dabei, auf Stop-Loss-Orders zu verzichten. In volatilen Märkten können diese durch kurzfristige Kursspitzen ungewollt ausgelöst werden und zu Verkäufen zum ungünstigsten Zeitpunkt führen. Eine ausreichende Cash-Reserve von mindestens 20-30% des für Investitionen vorgesehenen Kapitals ist die Grundlage für jede antizyklische Strategie. Es ist das „Pulver“, das es Ihnen ermöglicht, in den Phasen der grössten Panik, wenn die besten Preise erzielt werden, noch handlungsfähig zu sein. Halten Sie zudem eine separate Notfallreserve für Ihre Lebenshaltungskosten (3-6 Monatsausgaben), die niemals an der Börse investiert wird.

Indem Sie Ihr Kapital systematisch aufteilen, vermeiden Sie den Druck, den perfekten Moment finden zu müssen, und stellen sicher, dass Sie von noch tieferen Kursen profitieren können, anstatt mit leeren Händen dazustehen.

Die Bärenmarktrallye: Wie erkennen Sie, ob der Anstieg echt ist oder eine Falle?

Eine der tückischsten Fallen in einem Bärenmarkt ist die sogenannte „Bärenmarktrallye“ – ein scharfer, aber nur kurzlebiger Kursanstieg, der den Eindruck einer echten Trendwende erweckt, bevor die Kurse auf neue Tiefs fallen. Diese Rallyes werden oft durch die Eindeckung von Leerverkäufen und verfrühten Optimismus getrieben. Wer hier auf den fahrenden Zug aufspringt, wird oft auf dem falschen Fuss erwischt. Doch es gibt Indikatoren, die helfen, eine solche Falle von einer nachhaltigen Erholung zu unterscheiden. Einer der zuverlässigsten ist das Handelsvolumen.

Eine echte, von fundamentaler Überzeugung getragene Trendwende wird typischerweise von einem deutlich anziehenden Handelsvolumen begleitet. Wenn die Kurse steigen, aber das Volumen niedrig bleibt, deutet dies auf mangelndes Engagement der grossen, institutionellen Investoren hin. Es ist ein Zeichen der Schwäche. Marktanalysen zeigen, dass echte Trendwenden am SMI oft von Handelsvolumen begleitet werden, die 30-50% über dem Durchschnitt liegen. Dieses hohe Volumen signalisiert, dass eine breite Masse von Käufern mit Überzeugung in den Markt zurückkehrt.

Ein weiterer wichtiger Indikator ist die Sektor-Rotation. Eine nachhaltige wirtschaftliche Erholung beginnt selten mit den defensiven Sektoren. Vielmehr sind es die zinssensitiven und zyklischen Branchen, die als erste anziehen, da sie am stärksten von einer verbesserten Konjunkturerwartung profitieren. In der Schweiz lässt sich dies gut an der relativen Stärke von Bank-Aktien wie UBS oder Industrie-Titeln wie ABB gegenüber defensiven Schwergewichten wie Novartis oder Nestlé ablesen. Steigen die Zykliker und Finanztitel stärker als der Gesamtmarkt, ist das ein starkes Indiz für eine echte Erholung. Führen hingegen weiterhin die defensiven Werte den Anstieg an, während die Zykliker hinterherhinken, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es sich nur um eine Bärenmarktrallye handelt. Die Erfahrung aus der Finanzkrise 2008 bestätigt dies: Während kurzer Erholungsphasen stiegen defensive Titel, während die Banken weiter fielen – ein klares Warnsignal, dass die Krise noch nicht ausgestanden war.

Die Kombination aus Volumenanalyse und Beobachtung der Sektor-Rotation bietet ein robustes Filter-System, um die Spreu vom Weizen zu trennen und nicht auf eine vorübergehende Fata Morgana hereinzufallen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die grössten Renditechancen entstehen in Phasen des Pessimismus, wenn Qualitätsaktien unter ihrem Wert gehandelt werden.
  • Ein diszipliniertes, datengestütztes System (basierend auf VSMI, Marktbreite und Tranchen) ist dem emotionalen Handeln immer überlegen.
  • Die Unterscheidung zwischen einer marktweiten, zyklischen Korrektur und einem unternehmensspezifischen, fundamentalen Problem ist entscheidend, um Wertfallen wie die Credit Suisse zu vermeiden.

Wie interpretieren Sie den VSMI, um die aktuelle Angst im Schweizer Markt zu messen?

Um die Emotionen im Markt objektiv zu messen, statt sie nur zu fühlen, gibt es ein unschätzbares Werkzeug für den Schweizer Markt: den SMI Volatility Index (VSMI). Oft als „Angstbarometer“ bezeichnet, misst der VSMI die von den Marktteilnehmern erwartete Schwankungsbreite (implizite Volatilität) des SMI für die nächsten 30 Tage. Ein niedriger VSMI deutet auf Gelassenheit und geringe Unsicherheit hin. Ein hoher VSMI signalisiert hingegen grosse Angst und die Erwartung starker Kursschwankungen. Für den antizyklischen Investor ist der VSMI damit ein direkter, quantifizierbarer Indikator für das Ausmass der Panik – und damit für die Grösse der potenziellen Kaufgelegenheit.

Historisch gesehen korrelieren hohe VSMI-Werte mit Markttiefs und nachfolgend überdurchschnittlichen Renditen. Anstatt die Angst also zu fürchten, nutzen wir sie als Kaufsignal. Die Interpretation der VSMI-Werte lässt sich in einer Art Temperaturskala zusammenfassen. Werte zwischen 10 und 20 gelten als normal. Steigt der VSMI in den Bereich von 20 bis 30, herrscht erhöhte Nervosität – die erste interessante Zone für antizyklische Käufe. Der Bereich zwischen 30 und 40 signalisiert klare Angst. Werte von über 40 deuten auf extreme Panik und Kapitulation hin – historisch gesehen die besten Momente, um mutig zu investieren.

Die von der SIX Group, der Betreiberin der Schweizer Börse, veröffentlichten Daten untermauern diesen Zusammenhang. Die folgende Tabelle fasst die „Temperaturskala“ des VSMI zusammen und zeigt die historische Rendite-Erwartung für die folgenden 12 Monate, basierend auf dem Einstiegsniveau des VSMI.

VSMI-Temperaturskala für Kaufentscheidungen
VSMI-Bereich Marktzustand Historische Rendite nach 12 Monaten Kaufempfehlung
10-20 Gelassenheit/Normal +8-12% Kein Signal
20-30 Erhöhte Nervosität +12-18% Kaufzone 1
30-40 Angst +18-25% Kaufzone 2
>40 Panik +25-35% Maximale Kaufgelegenheit

Indem Sie Ihre Kaufentscheidungen (insbesondere die Platzierung Ihrer gestaffelten Limiten) an konkrete VSMI-Schwellenwerte koppeln, schaffen Sie ein robustes, emotionsfreies System, um die Angst der anderen systematisch in Ihre zukünftige Rendite zu verwandeln.

Wie nutzen Sie die Volatilität an den Märkten, um langfristig überdurchschnittliche Renditen zu erzielen?

Für die meisten Anleger ist Volatilität ein Synonym für Risiko und Verlust. Für den strategischen Investor ist sie jedoch der Rohstoff, aus dem überdurchschnittliche Renditen geformt werden. Anstatt zu versuchen, Schwankungen zu vermeiden, kann man sie gezielt nutzen. Die bisher beschriebenen Methoden – das Kaufen in Panikphasen (hohe Volatilität) und das geduldige Warten in ruhigen Zeiten (niedrige Volatilität) – sind bereits eine Form dieser Nutzung. Ein weiterer, äusserst wirkungsvoller Mechanismus, um Volatilität systematisch in Rendite zu verwandeln, ist das regelmässige Rebalancing eines Portfolios.

Rebalancing bedeutet, die ursprüngliche strategische Gewichtung der Anlageklassen im Portfolio (z.B. 60% Aktien, 40% Anleihen) periodisch wiederherzustellen. In einer Hausse steigt der Wert des Aktienanteils überproportional. Beim Rebalancing verkaufen Sie einen Teil der gut gelaufenen Aktien und kaufen mit dem Erlös den relativ zurückgebliebenen Anleihenanteil nach. In einer Krise passiert das Gegenteil: Der Aktienanteil verliert an Wert. Beim Rebalancing verkaufen Sie einen Teil der stabilen Anleihen und kaufen die nun günstigen Aktien nach. Dieser Prozess erzwingt ein antizyklisches Verhalten: Sie verkaufen automatisch, was teuer geworden ist, und kaufen, was günstig ist.

Dieser Mechanismus generiert einen sogenannten „Rebalancing-Bonus“. Eine Simulation für den Schweizer Markt verdeutlicht dies eindrücklich: Ein Portfolio aus 60% SPI ETF und 40% Schweizer Staatsanleihen hätte durch jährliches Rebalancing seit 1988 einen zusätzlichen Rendite-Bonus von durchschnittlich 1,5% pro Jahr im Vergleich zu einem Portfolio ohne Rebalancing erzielt. Je höher die Volatilität, desto grösser ist dieser Bonus, da die Preisunterschiede zwischen den Anlageklassen, die man ausnutzt, stärker ausfallen. Volatilität wird so von einem Risiko zu einem aktiven Renditetreiber.

Um diese Erkenntnisse in die Praxis umzusetzen, ist es entscheidend, die Methoden zur Nutzung von Volatilität nicht nur zu verstehen, sondern auch diszipliniert anzuwenden.

Die Quintessenz ist also, die Perspektive zu wechseln: Ein unruhiger Markt ist kein Grund zur Sorge, sondern ein Umfeld voller Möglichkeiten für den, der einen klaren Plan hat. Durch gestaffelte Nachkäufe, die Nutzung von Indikatoren wie dem VSMI und diszipliniertes Rebalancing verwandeln Sie Marktturbulenzen in den Motor für Ihren langfristigen Anlageerfolg.

Geschrieben von Thomas Keller, CFA-Chartholder und Senior Portfolio Manager mit 12 Jahren Erfahrung im Asset Management bei Schweizer Grossbanken. Spezialisiert auf Aktienstrategien, ETFs und Core-Satellite-Portfolios.