Veröffentlicht am Mai 15, 2024

Ihr Depot ist 30 % im Minus und der Impuls, alles zu verkaufen, ist überwältigend. Das ist keine Schwäche, sondern eine programmierte psychologische Reaktion, die Ihr Vermögen zerstören kann.

  • Ein 50%-Verlust erfordert 100% Gewinn zum Ausgleich – die Mathematik der Erholung ist brutal asymmetrisch.
  • Die psychologische Verlustaversion lässt den Schmerz eines Verlusts doppelt so stark wirken wie die Freude über einen gleich hohen Gewinn.

Empfehlung: Analysieren Sie rational, ob ein Marktabschwung (Rauschen) oder ein fundamentaler Fehler in Ihrer Strategie die Ursache des Verlusts ist, bevor Sie eine einzige Aktie verkaufen.

Der Blick auf das Depot fühlt sich an wie ein Schlag in die Magengrube. Rot. Tiefrot. -30 %. Nächte werden kürzer, Gedanken kreisen, und eine Stimme im Kopf wird lauter: „Raus hier, bevor alles weg ist!“. Dieser Moment, dieser Schmerz, ist der Scheideweg für jeden Anleger. Hier entscheidet sich, ob Vermögen langfristig aufgebaut oder vernichtet wird. Die üblichen Ratschläge wie „Ruhe bewahren“ oder „langfristig denken“ klingen in dieser Situation hohl und helfen kaum gegen die akute Panik. Sie ignorieren die tiefsitzende, emotionale und biochemische Reaktion, die gerade in Ihnen abläuft.

Doch was, wenn die Lösung nicht darin liegt, die Augen zu verschliessen, sondern die Mechanik des Schmerzes – psychologisch und mathematisch – zu verstehen? Dieser Leitfaden ist kein esoterisches Manifest, sondern eine Krisenintervention für Ihr Depot. Als Ihr Krisen-Psychologe nehmen wir Ihren Schmerz ernst, aber konfrontieren Sie gleichzeitig mit der brutalen, mathematischen Ehrlichkeit, die Sie jetzt brauchen. Wir werden nicht nur die psychologischen Fallen wie die Verlustaversion beleuchten, die Sie zu katastrophalen Entscheidungen drängen, sondern auch die knallharte Arithmetik, warum ein Verlust so viel schwerer wiegt als ein Gewinn.

Dieser Artikel ist speziell auf die Realität für Schweizer Privatanleger zugeschnitten. Wir klären, warum Sie Börsenverluste steuerlich nicht einfach absetzen können und wie Sie dennoch strategisch agieren. Sie lernen, zwischen einem temporären Kursrutsch und einem echten Strategiefehler zu unterscheiden und wie Sie Marktkorrekturen nutzen können, ohne ins sprichwörtliche fallende Messer zu greifen. Es geht darum, die Kontrolle zurückzugewinnen – nicht über den Markt, sondern über Ihre eigenen Reaktionen.

Die folgenden Abschnitte führen Sie Schritt für Schritt von der emotionalen Lähmung zur rationalen Handlungsfähigkeit. Wir analysieren die Zahlen, die Psychologie und die konkreten Optionen, die Ihnen als Anleger in der Schweiz zur Verfügung stehen, um gestärkt aus dieser Krise hervorzugehen.

Warum brauchen Sie 100% Gewinn, um 50% Verlust auszugleichen?

Dies ist die erste und brutalste mathematische Wahrheit, die jeder Anleger verinnerlichen muss: Verluste und Gewinne sind nicht symmetrisch. Wenn Ihr Depot von 100’000 CHF auf 50’000 CHF fällt, haben Sie 50% verloren. Um von diesen 50’000 CHF wieder auf die ursprünglichen 100’000 CHF zu kommen, benötigen Sie jedoch einen Gewinn von 50’000 CHF. Das entspricht einer Rendite von 100% auf Ihr verbleibendes Kapital. Ein Gewinn von 50% würde Sie nur auf 75’000 CHF bringen.

Diese asymmetrische Erholung ist der Grund, warum die oberste Priorität beim Investieren nicht die Gewinnmaximierung, sondern die Verlustvermeidung sein sollte. Eine fundamentale mathematische Wahrheit zeigt, dass ein Verlust von 50% eine Rendite von 100% erfordert, um den ursprünglichen Wert wieder zu erreichen. Je tiefer der Verlust (Drawdown), desto exponentiell schwieriger wird die Aufholjagd:

  • Bei 20% Verlust braucht es bereits 25% Gewinn zur Erholung.
  • Bei 30% Verlust (Ihre aktuelle Situation) benötigen Sie rund 43% Gewinn.
  • Bei 50% Verlust muss sich der Kurs verdoppeln (100% Gewinn).
  • Bei 70% Verlust benötigen Sie einen Gewinn von 233%.

Stellen Sie sich vor, Sie steigen einen Berg hinab. Der Weg ins Tal (der Verlust) ist eine Sache. Der Weg zurück auf den Gipfel (die Erholung) ist jedoch ungleich steiler und anstrengender. Genau diese Asymmetrie macht Panikverkäufe am Tiefpunkt so verheerend: Sie zementieren den tiefsten Punkt des Tals und machen den Wiederaufstieg mathematisch fast unmöglich.

Visuelle Darstellung des asymmetrischen Pfads von Verlust und Erholung am Beispiel des Swiss Market Index

Diese Visualisierung macht deutlich: Der Weg nach unten ist oft schneller als der mühsame Anstieg zurück zum Ausgangspunkt. Jeder Prozentpunkt, den Sie im Bärenmarkt verlieren, muss mit überproportional mehr Aufwand im nächsten Bullenmarkt wieder verdient werden. Das ist keine Meinung, sondern reine Arithmetik.

Warum schmerzt ein Verlust doppelt so stark wie ein Gewinn freut?

Die Mathematik allein erklärt nicht, warum der Drang zu verkaufen so überwältigend ist. Die Antwort liegt in unserer psychologischen Programmierung. Die Nobelpreisträger Daniel Kahneman und Amos Tversky haben dieses Phänomen als „Verlustaversion“ beschrieben. Einfach ausgedrückt: Der Schmerz, 1’000 CHF zu verlieren, ist etwa doppelt so stark wie die Freude, 1’000 CHF zu gewinnen. Ihr Gehirn ist darauf verdrahtet, Verluste um jeden Preis zu vermeiden, selbst wenn es irrational ist.

Diese evolutionär bedingte Reaktion, die uns in der Steinzeit vor Säbelzahntigern schützte, ist an der Börse ein katastrophaler Ratgeber. Sie führt dazu, dass wir bei fallenden Kursen in Panik geraten und verkaufen, um den „Schmerz“ zu beenden, während wir bei steigenden Kursen zu lange zögern. Wie die Kalaidos Fachhochschule in einer Analyse zusammenfasst, ist dieses Verhalten tief in uns verankert:

Die Verlustaversion wurde erstmals von Daniel Kahneman und Amos Tversky (1979) in ihrer Prospect Theory beschrieben, die zeigt, dass Menschen sich in Entscheidungssituationen nach rein ökonomischen Massstäben eigentlich irrational verhalten, wenn Unsicherheiten eine Rolle spielen.

– Kalaidos Fachhochschule, Verlustaversion: Risiko vermeiden ist Trumpf

Ein klassisches Experiment von Kahneman verdeutlicht diese Asymmetrie perfekt. In diesem Experiment wurde die Verlustaversion messbar gemacht.

Praxisbeispiel: Die 100-Dollar-Wette

Kahneman befragte Personen, welchen Mindestgewinn sie benötigen würden, um eine Wette einzugehen, bei der sie mit einer 50-prozentigen Wahrscheinlichkeit 100 Dollar verlieren könnten. Rein rational wäre jede Antwort über 100 Dollar ein guter Deal. Die häufigste Antwort lag jedoch bei 200 Dollar. Die Befragten verlangten also den doppelten Gewinn, um das Risiko eines gleich hohen Verlusts auszugleichen. Dieses 2:1-Verhältnis ist die Faustregel für die Stärke der Verlustaversion.

Wenn Ihr Depot also 30% im Minus ist, fühlt sich das nicht wie ein 30%-Verlust an, sondern eher wie ein 60%-Schlag. Ihr Gehirn schreit „Gefahr!“ und will diesen Zustand beenden. Zu wissen, dass dieses Gefühl eine programmierte, irrationale Reaktion ist, ist der erste Schritt, um ihm nicht blind zu folgen.

Kapitalverluste in der Schweiz: Warum können Sie Börsenverluste als Privater nicht von der Steuer abziehen?

Nach dem mathematischen Schock und der psychologischen Ernüchterung folgt die steuerliche Realität in der Schweiz, die für viele Privatanleger eine weitere bittere Pille darstellt. Die Regel ist einfach und unerbittlich: Kapitalgewinne aus dem beweglichen Privatvermögen sind steuerfrei, Kapitalverluste sind im Gegenzug aber auch nicht abzugsfähig. Das bedeutet, die 30% Minus in Ihrem Depot können Sie in Ihrer Steuererklärung nicht geltend machen, um Ihr steuerbares Einkommen zu senken.

Diese Regelung ist ein zweischneidiges Schwert. In guten Börsenjahren ist sie ein Segen, da alle Gewinne Ihnen netto gehören. In schlechten Jahren wie diesem fühlt es sich jedoch zutiefst unfair an. Die einzige Ausnahme von dieser Regel betrifft Personen, die von der Eidgenössischen Steuerverwaltung (ESTV) als „gewerbsmässige Wertschriftenhändler“ eingestuft werden. Doch die Hürden dafür sind für die meisten Privatanleger extrem hoch.

Abstrakte Darstellung der Schweizer Steuerregelung für Privatanleger

Die folgende Tabelle zeigt die fundamentalen Unterschiede in der steuerlichen Behandlung auf. Sie verdeutlicht, warum die grosse Mehrheit der Anleger als privat gilt und somit Verluste selbst tragen muss.

Steuerliche Behandlung: Privatanleger vs. gewerbsmässiger Händler
Aspekt Privatanleger Gewerbsmässiger Händler
Kapitalgewinne Steuerfrei Steuerpflichtig als Einkommen
Kapitalverluste Nicht abzugsfähig Abzugsfähig
Vermögensverwaltungskosten Pauschal oder effektiv abzugsfähig Als Geschäftsaufwand abzugsfähig

Die ESTV prüft anhand mehrerer Kriterien, ob Gewerbsmässigkeit vorliegt. Werden mehrere dieser Kriterien erfüllt, droht eine Umqualifizierung mit massiven steuerlichen Konsequenzen. Dazu gehören eine kurze Haltedauer, ein hohes Transaktionsvolumen, der Einsatz von Fremdkapital oder die Nutzung von Derivaten. Für den typischen „Buy and Hold“-Anleger ist dies irrelevant, zementiert aber die Tatsache, dass die Verluste im eigenen Sack bleiben.

Umgang mit wertlosen Aktien: Wie bereinigen Sie „Depot-Leichen“ richtig?

In jedem Bärenmarkt tauchen sie auf: Positionen, die nicht nur 30%, sondern 80%, 90% oder sogar mehr verloren haben. Diese „Depot-Leichen“ sind oft das Ergebnis gescheiterter Spekulationen oder fundamental veränderter Geschäftsmodelle. Aus psychologischer Sicht klammern wir uns oft an sie, getrieben von der irrationalen Hoffnung auf eine wundersame Erholung. Dies ist ein klassischer Fall von „emotionaler Buchführung“, bei dem wir einen realisierten Verlust nicht akzeptieren wollen.

Doch was tun, wenn eine Aktie praktisch wertlos ist und selbst ein Verkauf aufgrund mangelnder Liquidität oder hoher Transaktionskosten unsinnig erscheint? In der Schweiz gibt es einen sauberen Weg, solche Positionen aus dem Depot zu entfernen: die Ausbuchung als wertlos. Dies schafft nicht nur mentale Klarheit, sondern hat auch einen kleinen, aber wichtigen steuerlichen Vorteil bei der Vermögenssteuer.

Reale Totalverluste sind eine harte Lektion in Risikomanagement. Historische Beispiele wie die Insolvenzen von Swissair oder das Scheitern vieler „Dotcom“-Unternehmen zeigen, dass selbst grosse Namen verschwinden können.

Fallbeispiele: Wenn aus Investitionen Totalverluste werden

Analysen von Anlegerdepots zeigen immer wieder schmerzhafte Beispiele. Fälle wie die Insolvenz von Gerry Weber (100% Verlust auf ein Investment von 3’200 Euro) oder der Absturz der Leoni AG (75% Verlust) sind Mahnmale. Sie demonstrieren eindrücklich, dass die Hoffnung auf eine Erholung bei fundamental kaputten Unternehmen eine Illusion ist und ein rechtzeitiger Exit oder eine saubere Ausbuchung die bessere Strategie gewesen wäre.

Die Ausbuchung ist ein formaler Prozess, bei dem Sie Ihre Bank anweisen, die wertlosen Titel aus Ihrem Depot zu entfernen. Dies ist oft mit einer geringen Gebühr verbunden, schafft aber Ordnung und beendet das psychologische Festhalten an verlorenen Posten.

Ihre Checkliste: Depot-Leichen korrekt bereinigen

  1. Verzichtserklärung prüfen: Klären Sie mit Ihrem Broker, ob eine formelle Verzichtserklärung für die wertlosen Titel notwendig ist.
  2. Antrag auf Ausbuchung: Beantragen Sie schriftlich die Ausbuchung der spezifischen Aktienposition aus Ihrem Depot.
  3. Bestätigung aufbewahren: Lassen Sie sich die Ausbuchung vom Broker bestätigen. Dieses Dokument ist Ihr Nachweis für die Steuerbehörde.
  4. Verlust im Wertschriftenverzeichnis deklarieren: Führen Sie den Verlust im Wertschriftenverzeichnis für die Vermögenssteuer auf. Der Wert der Position ist nun null, was Ihre steuerbare Vermögensbasis reduziert.
  5. Kosten einkalkulieren: Rechnen Sie mit typischen Kosten von 50-100 CHF pro Ausbuchung bei Schweizer Brokern.

Kursrutsch oder Strategiefehler: Wann müssen Sie verkaufen und wann aussitzen?

Dies ist die Millionen-Franken-Frage in jeder Krise. Ein pauschales „Aussitzen“ ist genauso gefährlich wie ein panischer Verkauf. Die entscheidende Aufgabe ist die ehrliche Diagnose: Handelt es sich um Marktrauschen (ein allgemeiner Abschwung, der auch gute Unternehmen mit nach unten zieht) oder um einen fundamentalen Strategiefehler (Ihre ursprüngliche Investmentthese für eine Aktie ist hinfällig)?

Stellen Sie sich folgende Fragen, um dies zu unterscheiden:

  • Gilt die ursprüngliche Investmentthese noch? Warum haben Sie die Aktie ursprünglich gekauft? Hat sich an diesen fundamentalen Gründen (Marktstellung, Wettbewerbsvorteil, Wachstumsperspektiven) etwas dauerhaft zum Schlechten verändert?
  • Wie stark ist das Unternehmen betroffen? Ist die Krise eine existenzielle Bedrohung für das Geschäftsmodell (z.B. eine Reise-Aktie während einer Pandemie) oder nur eine temporäre Delle in der Nachfrage?
  • Wie sieht die Bilanz aus? Hat das Unternehmen genug Cash und eine geringe Verschuldung, um eine längere Durststrecke zu überstehen? Oder droht bei anhaltendem Gegenwind die Insolvenz?
  • Fällt nur Ihre Aktie oder der gesamte Markt/Sektor? Wenn der gesamte Swiss Market Index (SMI) 20% fällt und Ihre Aktie 25%, ist das wahrscheinlich Marktrauschen. Fällt Ihre Aktie jedoch 50%, während der Markt stabil ist, liegt ein unternehmensspezifisches Problem vor.

Wenn Ihre Analyse ergibt, dass es sich primär um Marktrauschen handelt und Ihre Unternehmen fundamental intakt sind, ist Aussitzen die richtige Strategie. Historische Daten des Schweizer Marktes zeigen, dass sich Geduld auszahlt. Selbst die längsten Verlustperioden von über 20% im SMI dauerten in der Vergangenheit maximal 13 Jahre, in den meisten Fällen war die Erholung jedoch deutlich schneller. Verkaufen Sie hingegen, weil Ihre ursprüngliche These widerlegt wurde, ist das kein Panikverkauf, sondern eine rationale und notwendige Korrektur Ihrer Strategie.

Der teuerste Klick: Warum Panikverkäufe im Tief Ihr Vermögen dauerhaft vernichten

Der Klick auf den „Verkaufen“-Button am Tiefpunkt eines Bärenmarktes ist der Moment der ultimativen Kapitalvernichtung. Es ist die Handlung, die einen temporären, buchhalterischen Verlust in einen permanenten, realen Verlust verwandelt. In diesem Moment geben Sie nicht nur den bisherigen Verlust auf, sondern – und das ist viel schlimmer – Sie berauben sich jeglicher Chance, an der zukünftigen Erholung zu partizipieren.

Denken Sie an die asymmetrische Mathematik vom Anfang: Nach einem 30%-Verlust benötigen Sie 43% Gewinn, um wieder auf Null zu kommen. Wenn Sie jetzt verkaufen, müssen Sie später nicht nur den Mut finden, wieder einzusteigen, sondern auch den perfekten Zeitpunkt erwischen, um diese 43% zu erzielen. Die Wahrscheinlichkeit, dies zu schaffen, ist verschwindend gering. Die meisten panischen Verkäufer steigen erst wieder ein, wenn die Kurse schon stark gestiegen sind, und verpassen so den wichtigsten Teil der Erholung.

Dieser Verkaufsdruck wird durch Herdenverhalten massiv verstärkt. Wenn alle um Sie herum verkaufen, die Medien von Crash-Szenarien berichten und Ihr Nachbar von seinen Verlusten erzählt, entsteht eine Abwärtsspirale, der man sich kaum entziehen kann. Verhaltenspsychologische Studien belegen, dass viele Anleger unter diesem emotionalen Druck mit Verlust verkaufen, besonders wenn ein Herdenverhalten einsetzt.

Ein Panikverkauf ist die Kapitulation vor der Verlustaversion. Es ist der Moment, in dem das emotionale „Reptiliengehirn“ die Kontrolle vom rationalen Verstand übernimmt. Das Ergebnis ist immer dasselbe: „sell low, buy high“ – das exakte Gegenteil einer erfolgreichen Anlagestrategie. Jeder Tag, an dem Sie in einer Krise nicht panisch verkaufen, ist ein aktiver Beitrag zum Schutz Ihres langfristigen Vermögens.

Antizyklisch handeln: Wann müssen Sie Gewinner verkaufen, um die Ursprungsallokation wiederherzustellen?

Inmitten eines schmerzhaften Drawdowns über den Verkauf von Gewinnern nachzudenken, klingt kontraintuitiv, ist aber der Kern einer disziplinierten und antizyklischen Anlagestrategie: das Rebalancing. Rebalancing bedeutet, Ihr Portfolio systematisch wieder auf seine ursprüngliche strategische Vermögensallokation zurückzuführen. In einem Bärenmarkt heisst das konkret: Sie verkaufen Anteile der Anlageklassen, die sich relativ gut gehalten haben (z.B. Obligationen oder Gold), um damit die stark gefallenen Anlageklassen (Aktien) nachzukaufen.

Dieser Prozess zwingt Sie mechanisch dazu, antizyklisch zu handeln – also günstig zu kaufen und teuer zu verkaufen, ohne auf Marktprognosen oder Ihr Bauchgefühl angewiesen zu sein. Es ist das rationale Gegengift zur emotionalen Panik. Die „Constant Proportion“-Strategie ist ein klassisches Beispiel dafür: Sie halten den Anteil Ihrer Anlageklassen konstant. Fällt der Aktienanteil durch Kursverluste von 60% auf 50% Ihres Portfolios, verkaufen Sie andere Vermögenswerte, um wieder Aktien zu kaufen und die 60%-Quote zu erreichen.

Für Schweizer Anleger gibt es hauptsächlich zwei bewährte Methoden für das Rebalancing, die beide ihre Vor- und Nachteile haben.

Rebalancing-Strategien im Vergleich
Methode Vorteile Nachteile Eignung für Schweizer Anleger
Kalenderbasiert (jährlich) Einfach, planbar, passt zum Steuerjahr Kann Marktchancen verpassen Sehr gut – synchron mit Steuererklärung
Schwellenwertbasiert (>5% Abweichung) Reagiert auf Marktbewegungen Häufigere Transaktionen Gut – nutzt steuerfreie Kapitalgewinne

Die kalenderbasierte Methode, zum Beispiel immer am Jahresanfang, hat den Vorteil der Einfachheit und Disziplin. Die schwellenwertbasierte Methode reagiert dynamischer auf starke Marktbewegungen, wie Sie sie gerade erleben. Eine Abweichung von 5% oder 10% von Ihrer Zielallokation löst hierbei eine Transaktion aus. In der aktuellen Situation bedeutet Rebalancing also, mutig in die fallenden Kurse hinein zu kaufen, finanziert durch die Umschichtung aus stabileren Werten.

Das Wichtigste in Kürze

  • Asymmetrische Erholung: Ein Verlust von 30% erfordert 43% Gewinn zum Ausgleich. Die Mathematik ist unerbittlich und bestraft Verluste überproportional.
  • Verlustaversion ist Ihr Feind: Ihr Gehirn ist darauf programmiert, bei Verlusten zu überreagieren. Diesen psychologischen Mechanismus zu kennen, ist der erste Schritt zur Selbstkontrolle.
  • Diagnose vor Aktion: Unterscheiden Sie rigoros zwischen einem temporären Marktabschwung (Grund zum Halten oder Nachkaufen) und einem fundamentalen Fehler in Ihrer Anlagethese (Grund zum Verkaufen).

Wie nutzen Sie Marktkorrekturen gezielt für Nachkäufe, ohne ins fallende Messer zu greifen?

Nachdem Sie die Panik überwunden und Ihre Strategie überprüft haben, stellt sich die Frage: Ist jetzt der Zeitpunkt, um nachzukaufen? Antizyklisch zu investieren und „günstig“ zu kaufen, ist das Ziel. Die grosse Gefahr dabei ist jedoch, „ins fallende Messer zu greifen“ – also zu früh nachzukaufen, nur um dann noch grössere Verluste zu erleiden. Eine disziplinierte Methode ist hier Gold wert, um Gier und Angst zu kontrollieren.

Anstatt zu versuchen, den exakten Tiefpunkt zu erraten (was unmöglich ist), sollten Sie gestaffelt investieren. Die „Uhrmacher-Methode“, eine Anspielung auf die Schweizer Präzision, ist ein gutes mentales Modell dafür. Sie teilen Ihr verfügbares Kapital für Nachkäufe in mehrere Tranchen auf und investieren diese bei vordefinierten Korrekturniveaus des Gesamtmarktes (z.B. des SMI).

Eine solche gestaffelte Strategie könnte wie folgt aussehen:

  1. Nach einer 20%-Marktkorrektur: 25% des verfügbaren Kapitals investieren.
  2. Nach einer 30%-Korrektur: weitere 25% investieren.
  3. Nach einer 40%-Korrektur: weitere 25% investieren.
  4. Eine letzte Reserve von 25% für extreme Marktsituationen oder eine Bodenbildung behalten.

Der grosse Vorteil dieser Methode ist, dass Sie sich über tiefere Kurse freuen, da Sie Ihre nächste Tranche günstiger erwerben können. Es wandelt die Angst vor weiteren Verlusten in die Vorfreude auf eine Kaufgelegenheit um. Für die meisten Anleger ist der einfachste Weg, dieses Prinzip umzusetzen, ein regelmässiger Sparplan. Schweizer Finanzexperten bestätigen, dass der wohl wichtigste Erfolgsfaktor beim Vermögensaufbau regelmässiges Investieren ist, was am einfachsten mit einem ETF-Sparplan gelingt. Dieser automatisiert den Cost-Average-Effekt und nimmt Ihnen die schwere Entscheidung des Timings ab.

Ein disziplinierter Nachkaufplan verwandelt eine Krise in eine Chance. Durch eine gestaffelte Vorgehensweise minimieren Sie das Risiko des falschen Timings und profitieren langfristig vom Durchschnittskosteneffekt.

Die Bewältigung eines Drawdowns ist kein einmaliges Ereignis, sondern der ultimative Test Ihrer Anlagestrategie und Ihrer mentalen Stärke. Beginnen Sie jetzt damit, diese psychologischen und mathematischen Prinzipien anzuwenden, um Ihr Vermögen nicht nur zu schützen, sondern gestärkt aus der Krise hervorzugehen.

Geschrieben von Thomas Keller, CFA-Chartholder und Senior Portfolio Manager mit 12 Jahren Erfahrung im Asset Management bei Schweizer Grossbanken. Spezialisiert auf Aktienstrategien, ETFs und Core-Satellite-Portfolios.